Daß einer, der zu den Auserwählten gehört, von der Erfüllung der zehn Gebote dispensiert ist, ja, daß ihre Verletzung sittliche Pflicht für ihn werden kann, hat man in diesem Jahrhundert drastisch vorexerziert, wo immer aus Nation, Rasse oder Klasse Bevorzugungen abzuleiten waren. Das Prinzip der Gleichheit wurde seit 1789 von Jahr zu Jahr radikaler verleugnet – gegen Ausländer, Juden, Neger, Bourgeois, Kulaken, Minderwertige und Faschisten, kurz: gegen alle, die jeweils als Verworfene galten.

Mit Christentum scheint das nicht vereinbar. Aber es gibt eine christlich gemeinte Vorform solcher Elitemoral: die strikte kalvinistische Lehre von der Gnadenwahl. Sie gibt dem Erwählten eine hybride Sicherheit und führt ihn an die Grenze des Fanatismus. Nur an die Grenze allerdings – denn sie enthält ihm das stichhaltige Kriterium der Erwähltheit vor. Könnte aber einer untrüglich wissen, daß Gott ihn vor aller Zeit zum Bürger des Himmelreichs bestimmt hat, so dürfte er zu Gottes Ehre im Kampf gegen „die Bösen“ weder Lüge noch Mord scheuen und hätte sich zu benehmen wie die Aktivisten der nachchristlichen Systeme.

Ein Schotte hat zu Anfang des vorigen Jahrhunderts diesen Gedanken zu Ende gedacht und die nachchristliche Elitemoral ad absurdum geführt, noch bevor sie sich ausgebreitet hatte. Er hat, etwa gleichzeitig mit E. T. A. Hoffmanns „Elixieren des Teufels“, die entsetzliche Geschichte eines Mannes ersonnen, der zum Verbrecher wird, weil er in der Suggestion, erwählt zu sein, lebt. Ihm gesellt sich alsbald, unerkannt, der Teufel und treibt ihn zu den schnödesten Missetaten.

Das Buch, 1824 erschienen, blieb unbeachtet; in keine Literaturgeschichte, in kein Lexikon wurde es aufgenommen. 1924 gab ein englischer Bibliophile es neu heraus. André Gide, der Kritiker des moralischen Snobismus, las es und war bestürzt über den prophetischen Scharfblick dieses unbekannten James Hogg. Ihm ist es zu verdanken, daß die „Vertraulichen Aufzeichnungen und Bekenntnisse eines gerechtfertigten Sünders“ in ihrer Aktualität erkannt wurden. Seine Einführung steht auch der ersten deutschen Ausgabe voran (von Peter Dülberg glänzend in den Hoffmann-Ton gebracht, Deutsche Verlags-Anstalt, 357 S., Leinen DM 11,80).

Der Teufel bei Hogg gibt sich nicht zu erkennen. Er wechselt ständig die Gestalt. Er hat keine Person für sich. Er ist, wie Gide sagt, „die Nachsicht uns selbst gegenüber“. Das gibt ihm einen hohen Rang im satanischen Sektor der Dichtkunst – noch über dem Teufel im „Doktor Faustus“, ganz nahe bei Dostojewski

Christian E. Lewalter