Von Josef Marein

Im "Echo des Tages", jener auf Aktualität bedachten täglichen Sendung des Nordwestdeutschen Rundfunks, wurde kürzlich ein scharfer Brief verlesen, den Fritz Sänger an die "Zeit" geschrieben hatte: Fritz Sänger war in unserem Blatt irrtümlich als ein Mitglied des "Verwaltungsrates" bezeichnet worden. Welch schlimmes Versehen, da er doch Mitglied der höheren Instanz, des "Hauptausschusses", ist! Nun hätte das "Echo des Tages" wohl Gelegenheit gehabt, auch den Antwortbrief der "Zeit" an Fritz Sänger zu verlesen. Nichts davon. Und doch wurde unser vergebliches Lauschen in den Äther reich belohnt. Denn im "Echo des Tages" ertönte das Gespräch zwischen zwei seltsamen Partnern: der eine war ein Funkreporter, der andere war Besitzer eines "Zweigwerks" ... Wir lauschten gespannt. Wir grübelten. Wir knipsten den Lautsprecher aus. Wir hatten verstanden ...

Was Fritz Sängers Brief an die "Zeit" betrifft –: er wurde nicht nur in den Äther gesendet: er wurde "abschriftlich", wie es so schön heißt, auch jenen Gästen auf den Tisch gelegt, die der Generaldirektor des NWDR jüngst ins Hamburger Funkhaus eingeladen hatte, damit sie Dr. Grimmes Verteidigungsversuche gegenüber seinen Kritikern miterlebten. Wir saßen also dort und grübelten lange, was dieser Brief mit Sängers, des "Hauptausschuß"-Mitgliedes, Dementi, auf den Tischen bedeuten sollte. Da sagte Grimme den Satz: "Ich glaube, daß, wenn eine mangelnde Orientiertheit im Elementaren zutage tritt, die Gefahr außerordentlich groß ist eines Kreditverlustes dann auch der übrigen Aussagen ..." So besorgt ist Dr. Grimme, die Leser möchten etwa der Kritik der "Zeit" am NWDR nicht glauben! Hübsch doppelbödig, nicht wahr? Aber die Sache hatte vermutlich noch einen dritten Boden: Sollte das "Echo des Tages", das auf Grimmes Verlangen den bitterbösen Brief Sängers an die "Zeit" verlesen mußte, doch offenkundig Feindschaft säen zwischen Sänger und uns, die wir den Rundfunk kritisieren! Fehlgeschossen. Wir werden Fritz Sänger auch fürderhin hochschätzen. Hatten wir auch Anlaß, ihn und seinen Gesprächspartner Ernst Friedlaender zu kritisieren, so wissen wir doch zugleich, daß sie noch Gutes für den Nordwestdeutschen Rundfunk tun werden und damit Gutes für uns, die Hörer. Überdies wußten wir damals, als wir sie kritisierten, noch nicht, daß ein Radioapparat lächeln und augenzwinkern kann. Wie gut, daß endlich im "Echo des Tages" eine Person auftauchte, die uns eines Besseren belehren konnte: der Zwergwerks-Unternehmer ...

"Wo werden Sie", so ungefähr fragte im "Echo des Tages" der Reporter, "Ihr Zwergwerk errichten?" – "In der Nähe Hamburgs", lautete die Antwort, "schon wegen der Exportmöglichkeiten! Unsere Produktion", so fügte der Zwergwerks-Unternehmer stolz hinzu, "ist so recht das Sinnbild deutschen Gemütes: der Gartenzwerg!" Und dann fragte der Reporter den Gründer und Gönner einer neuen Gartenzwerg-Kultur, wie viele verschiedene Typen er herstellen und unter die Leute bringen wolle. Und jener erwiderte: "Fünf Typen ...

Um auf jene Konferenz zurückzukommen, die wir schon erwähnten, sei mitgeteilt, daß Dr. Grimme seinen Kritikern vorwarf, sie hätten sich in Widersprüche verstrickt, indem sie einmal sagten, es gäbe ihn, den Dr. Grimme nicht, seine Existenz sei eine Legende, und zum anderen behaupteten, er laste schwer auf den Schultern der eigentlichen Rundfunkleute, viel zu schwer. Sprach’s und lehnte sich im Stuhl zurück. Da es in solch einer Konferenz unhöflich ist, etwas anderes zu tun, als Fragen zu stellen, schwiegen die Kritiker zu diesem Punkt. Hier die Antwort. Grimme sagte: Ja, er selbst sei es, der die Verantwortung sagte: Auch für die politischen Sendungen, für die politischen Kommentare und deren Redaktion? Ja! Dann müßte Grimme eigentlich nicht Generaldirektor, sondern Generalintendant heißen? Ja, er gab es zu. Außerdem sagte er, er habe nie Zeit, sei immerfort auf Reisen. Und – so sagte er – eigentlich müßte es zwei Generaldirektoren geben ... Wir aber sagen, daß diese Auskunft des Rätsels Lösung ist: es gibt ihn und es gibt ihn auch wieder nicht; wenn’s ihn gibt, so gibt’s ihn zu sehr.

Von den Gartenzwergen aber, die das deutsche Gemüt repräsentieren – so erfuhr man im "Echo des Tages" – ‚ gibt es fünf verschiedene Sorten. Da ist ein sitzender Zwerg, der das Kinn in die Hand geschmiegt hat, wie weiland Walther von der Vogelweide. Und da ist ein anderer Zwerg, der eine kleine, liebe, elektrisch beleuchtbare Lampe trägt und daher offenbar jenem beliebten musikalischen "Glühwürmchen" entspricht, das im Rundfunkprogramm so gern unsere Herzen erfreut. Ein dritter Zwerg trägt einen Pilz als Schirm, wie wir, am Radioapparat lauschend, durch den Zwergwerks-Besitzenden authentisch erfuhren. Er schilderte auch Typ vier und Typ fünf. Man sieht: er sparte nicht mit Zahlen.

"Der NWDR macht Fehler. Keiner wird das bestreiten", so sagte Dr. Grimme in seiner Konferenz. Er meinte gelegentliche Fehler. Doch ist diese Erkenntnis nicht der einzige Punkt, in dem wir mit ihm übereinstimmen. Ernsthaft –: Er gab uns darin recht, daß es für die politischen Dinge einen Chefredakteur im Rundfunk geben müsse. Hoffentlich – so möchten wir hinzufügen – wird dieser Chefredakteur dann kein Verwaltungsbeamter, sondern ein tüchtiger, verantwortungsvoller Journalist sein, ein überparteilicher Mann, damit nicht wieder so peinliche Affären geschehen wie kurz nach jener Konferenz: In Paris unterzeichnete Dr. Adenauer als Außenminister der deutschen Bundesrepublik den Schuman-Plan; der NWDR meldete dies und fügte sogleich übereifrig und überbetont die Stimmen der Opposition hinzu, fügte vor allem die Stimme seines Herrn hinzu, die Stimme Dr. Schumachers, der betonte, nun seien wir für fünfzig Jahre an die Kette gelegt ... Wo war Dr. Grimme, als die Peinlichkeit dieser geradezu demagogischen Aufeinanderfolge von Meldungen geschah? Wo sollte er wohl gewesen sein? Auf Reisen ...