In seinem Schauspiel „Die unschuldige Irene“, dessen deutsche Erstaufführung am Nationaltheater Mannheim in Anwesenheit des Dichters zu einem außergewöhnlichen künstlerischen Erfolg wurde, will Ugo Betti schildern, wie aus einem schlichten Brigadier ein märchenhafter und unschuldiger Lohengrin wird, der eine arme und unschuldige Irene von einer Ungerechtigkeit befreit, die ihren Körper und ihre Seele beleidigt.

Ein Brigadier wird zur Untersuchung in ein weltverlorenes Bergdorf geschickt, dessen Gemeindesekretär sich habe Unterschlagungen zuschulden kommen lassen. Allmählich, ohne es zu wollen, wird der Brigadier selbst in den Kreis der Korruption gezogen: nächtlich kommt er in ein fremdes Haus, in das des Sekretärs-, und dort verfällt er der gelähmten Irene, der Dorfdirne, die die Tochter des korrupten Sekretärs ist.

Das seltsame Zwischenreich jenes Dorfes mag an Franz Kafkas Roman „Das Schloß“ erinnern, aber stärker scheint noch die Nähe Dostojewskis zu sein. Die vom eigenen Vater irregeleitete Irene, eine präraffaelitisch schöne Mädchengestalt, geht wie Raskolnikoffs Sonja durch die Gnadenlosigkeit dieser Welt, bis sich Ugo, der Brigadier, mit dem gottseligen Lächeln Fürst Myschkins zu ihr hinabneigt und sie („Gott liebt die armen Krüppel! “) in die jenseitige Vollkommenheit führt.

Eine Anzahl Motive, soziale, psychoanalytische und mythische Elemente schwingen hier mit, die Dialektik der Schuld wird mit geradezu inquisitorischem Eifer vorangetrieben, ehe die ‚ Agape die Verführung der seelischen Korruption überwindet und vor den Absturz ins Nichts die Gnade gesetzt ist.

In einer unwirklichen Welt zwischen Spuk und Märchen machte die Inszenierung Paul Riedys alle gedanklichen Hintergründe des analysierenden Richters und verzaubernden Dichters Betti anschaulich. Ulrich Seelmann-Eggebert