III. Ein Verurteilter berichtet seine Erlebnisse in französischen Kerkern

Von Henri Béraud

Weißt du, warum wir dieses Gespräch führen? – fragt der platonische Sokrates im „Phaidon“ seinen Schüler Simmias. Sokrates sitzt in der Todeszelle, in wenigen Stunden wird ihm der Wächter den Giftbecher geben, er aber philosophiert mit seinen Schülern. Er tut es, um die Furcht vor dem Tode zu beschwören, damit sie sich „wie ein Rauch zerstreue“: Seitdem sind zweitausend Jahre vergangen, aber noch immer sitzen Unschuldige in ihren Todeszellen und ringen in ihren letzten Stunden um jene sokratische Beschwörung der Furcht. Ist Béraud unschuldig? Ist er schuldig? Nur der jedenfalls kann über den Kampf mit der Todesangst in einer kalten Zelle etwas Wesentliches sagen, der ihn selbst vollzog. Bérand tat es, und nun schreibt er darüber. übersetzt von Edmond Lutrand, Copyright „Die Zeit“ um Plön

Der Richter ... Fast unglaublich –: ich stand einem Mann gegenüber, der noch erstaunter war als ich selbst. Er öffnete majestätisch einen Aktendeckel, der lediglich einen meiner Zeitungsartikel enthielt. Dieser Aufsatz war im November 1940 kurz nach Mers-el-Kebir geschrieben worden (in Mers-el-Kebir .. .). Damals, als ich den Artikel schrieb, war das allgemeine Gefühl, daß Mers-el-Kebir unsere Bitterkeit gegen die Engländer nur verdoppeln konnte. Mein Artikel sagte nicht anderes. Man konnte darin nur den Schmerz eines Schriftstellers sehen, der um so empörter war, als er nicht überrascht wurde... Es ist unnötig festzustellen, daß darin keineswegs die Frage der französisch-deutschen Beziehungen angeschnitten war, noch wurde über die romanische Architektur oder über den Melonenbau gesprochen. Man kann ihn von oben nach unten und von hinten nach vorn lesen, es ist unmöglich, etwas anderes darin zu finden. Trotzdem gehorchte der Generalstaatsanwalt dem ihm gegegebenen Befehl und ordnete an, daß unverzüglich eine Anklage wegen „Einverständnisses mit dem Feinde“ gegen mich erhoben wurde. Der Untersuchungsrichter Raoult war, glaube ich, ein ehrenhafter Mensch. Unsicher, verwundert prüfte er das bisherige Beweismaterial. Er suchte sichtlich danach, womit er seine Aufgabe beginnen könnte.

„Erkennen Sie an“, sagte er endlich, „der Autor dieses Artikels zu sein?“

Er las mir zwei oder drei Sätze vor.

„Ich muß Ihnen gestehen, daß ich eine andere Diskussion erwartet habe.“