Geheimrat Vocke, der Präsident des Direktoriums der Bank deutscher Länder und stellvertretende Vorsitzende des Zentralbankrats – wir wollen diese reichlich umständliche Amtsbezeichnung wenigstens einmal korrekt wiedergeben – hat vor knapp einem Vierteljahr seinen 65. Geburtstag gefeiert Er, der Sohn eines Dorfpfarrers im Nördlinger Land, war bereits mit 33 Jahren (1919 also) von Eben ins Reichsbank-Direktorium berufen worden, wurde aber zwanzig Jahre später von Hitler „infam kassiert“, weil er sich in einem Memorandum gegen die Methoden der Aufrüstungs-Finanzierung gewandt hatte.

Ein erstklassiger Pianist, erfahrener Bildersammler und begeisterter „Pferde-Mann“ ist dieser hervorragende Währungstechniker wahrlich eine selten sympathische Erscheinung in der sonst nicht sonderlich nuancierten Fachwelt. Überdies ein Mann von großem persönlichen Charme.

Offenbar aber sind hierzulande derartige Persönlichkeiten im Überfluß vorhanden ... Sonst wäre es ja wohl nicht zu begreifen, daß, unmittelbar nach dem 65. Geburtstag des Präsidenten Dr. Vocke, dem Bundestag der Entwurf eines Gesetzes vorgelegt wurde, in dem geschrieben steht: Die Bank deutscher Länder solle, um dem Grundgesetz Genüge zu tun, künftig als „Bundesnotenbank“ firmieren; für den Präsidenten dieser Bank aber gelte die übliche Altersgrenze – er sei also bei Vollendung seines 65. Lebensjahres in Pension zu schicken! Es ist fast unnötig, zu sagen, daß eine derartige Bestimmung sonst nirgendwo in der Welt, in keinem anderen Notenbankgesetz also, zu finden ist – ebensowenig natürlich, wie es die gesetzliche Festsetzung einer Altersgrenze für Parlamentarier oder für Minister gibt. Da der Referent im Bundesfinanzministerium, der diesen seltsamen Passus in den Gesetzentwurf hineingeschrieben hat, dem Bundestag gegenüber leider nicht verantwortlich ist, also nicht nach dem tieferen Sinn der von ihm erdachten Maßnahme befragt werden kann, werden wir leider nie erfahren, was er sich dabei eigentlich gedacht hat... Aber vielleicht kann Minister Schäffer an Stelle dieses Referenten befragt werden? Noch, besser wäre es freilich, wenn der fragliche Entwurf des Bundesnotenbankgesetzes nicht von seinem sondern von Erhards Ministerium vorgelegt würde. Denn alles, was die Währungs- und Kreditpolitik betrifft, sollte eigentlich – der Bundeskanzler hat sich schon mehrfach dafür ausgesprochen, aber die Sache noch nicht endgültig entschieden – zum Wirtschaftsministerium ressortieren. Wäre das heute schon so, dann würde der Gewinn der Bank deutscher Länder aus dem abgelaufenen Jahr, in Höhe von rund 80 Millionen DM, wahrscheinlich als Fonds für irgendwelche produktiven Anlagen verwendet werden, anstatt, nach dem Willen Schäffers, dem Bundeshaushalt zuzufließen – was also bedeutet, daß ein vorhandener „Kapitalstock“ konsumtiv verwandt wird.

Bis zum Jahresende hat der Bundestag noch Zeit für seine Entscheidung, wo der Sitz der künftigen Bundesnotenbank sein soll – in Beuel oder in Frankfurt – und wie ihr Statut aussehen soll. Diese Frist ist kürzlich vereinbart worden, nachdem die Befugnisse der ABC (Allied Banking Commission) praktisch erloschen, d. h. auf die Bundesregierung übergegangen waren, wobei das Kabinett, zunächst eine „Weisungsbefugnis“ gegenüber der Bank deutscher Länder beanspruchte, ihr aber dann doch vernünftigerweise – eine weitgehende Autonomie zugebilligt hat, mit der Maßgabe, daß die Zentralnotenbank verpflichtet sei, „die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu beachten und zu unterstützen“. Hoffentlich wird auch die Bundesregierung immer bereit sein, die Währungs- und Kreditpolitik der Bank zu unterstützen ... Sie wird sicherlich noch oft genug auf die Ratschläge und die guten Dienste der Bankleitung angewiesen sein, und sie sollte diese nicht etwa deshalb verschmähen, weil der chairman dort bereits als „überaltert im Sinne des Beamtenrechts“ gelten dürfte... E. T.