Der Schuman-Plan ist unterzeichnet. Damit wurde erstmalig auf einem Teilgebiet die Einheit Europas verwirklicht. In einem Vortrag, den er im Circle des Ambassadeur hielt, untersuchte Frankreichs Außenminister, Robert Schuman, in diesen Tagen Europas Chancen.

Es ist unser Ziel, Deutschland wieder in den Produktions- und Handelskreislauf der demokratischen Länder einzuschalten. Die Franzosen sind in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß wir nicht mehr in den Irrtum unserer Politik nach dem Ersten Weltkrieg zurückfallen dürfen. Die Aufnahme Deutschlands in die UNO und ihre Unterorganisationen ist andererseits nicht vor dem Abschluß eines Friedensvertrages möglich. Sie würde außerdem, falls sie verlangt werden sollte, auf den Widerstand der Russen stoßen. Im übrigen würde die Integration Deutschlands in diesen Weltorganismus allein auch keine befriedigenden Resultate ergeben. Sie würden jedenfalls nicht dauerhafter sein als die Hoffnungen, die man an die Aufnahme der Weimarer Republik in den Völkerbund geknüpft hatte. Die UNO ist in sich noch zu uneins und zu inkonsistent, als daß sie einer solchen Aufgabe der Umformung und Neuanpassung gewachsen wäre.

Unser oben genanntes Ziel kann also nur in einem begrenzten Rahmen und in einer Gemeinschaft gleichgearteter Staaten erreicht werden. Soll man nun ein zweiseitiges Experiment versuchen, mit anderen Worten, soll man das deutsch-französische tête à tête akzeptieren, das man uns vorgeschlagen hat? Wir glauben, daß die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Ein solches Experiment wäre psychologisch verfrüht und wirtschaftlich gefährlich. Wir geben daher einer europäischen Lösung der deutschen Frage den Vorzug.

Die Verteidigungserfordernisse der freien Länder Europas führen zu der gleichen Schlußfolgerung. Alle diese Länder sehen sich der gleichen Gefahr gegenüber: dem kommunistischen Expansionismus. Sie müssen daher ihre Politik aufeinander abstimmen.

Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß ein geeintes Europa nur eine Improvisation ist, ein Ausweg zur Lösung des deutschen Problems oder ein Schachzug gegenüber der russischen Bedrohung. Es gibt tiefere und nachhaltigere Gründe für die Einigung. Die europäischen Länder fühlen sich innerhalb ihrer nationalen Grenzen mehr und mehr beengt. Sie können sich nicht mehr aus eigener Kraft erhalten und ihre inneren Probleme mit eigenen Mitteln lösen. Die Zerstückelung Europas ist ein Anachronismus, ein Nonsens, eine Häresie geworden. Die politischen Grenzen sind das Ergebnis einer historischen und ethnischen Entwicklung, die wir respektieren. Es soll keine Rede davon sein, sie auszulöschen. In früheren Epochen veränderte man sie mit Hilfe gewaltsamer Eroberungen oder ertragreicher Heiraten. Heute genügt es, ihre Bedeutung zu entwerten. Auf den alten Grundmauern müssen wir ein neues Stockwerk errichten. Das Übernationale wird auf nationalen Grundsteinen ruhen.

Es gibt Leute, die es bedauern, daß wir das Problem nicht auf einmal und im Sturmschritt gelöst haben. Sie hätten es vorgezogen, wenn man mit der Einrichtung einer integralen europäischen Autorität begonnen hätte, mit einem Parlament und einer Europaregierung, deren Machtbefugnisse in einer europäischen Verfassung festgelegt werden müßten. Dieser Gedanke wäre in der Tat dem Charakter des französischen Denkens in jeder Weise angemessen. Was aber lehrt die Erfahrung? Sie lehrt, daß abstrakte Ideen, die den französischen Geist bezaubern, positiv denkende Leute, die empirischen Methoden ergeben sind, in Wut versetzen. Man errät, daß ich unter anderem an unsere Freunde, die Engländer denke, und auch an unsere Freunde in Skandinavien. Wir haben einige Chancen, sie zu überzeugen, sie für unsere Anstrengungen zu interessieren, wenn wir ihnen konkrete, begrenzte Pläne vorlegen. Sie werden von Fall zu Fall sorgfältig das Für und Wider abwägen. Aber sie werden sich nicht dem Diktat der reinen ’Logik und den Postulaten einer Art politischen Metaphysik beugen wollen.

„Europa schaffen“ heißt gewiß letzten Endes, eine alleinige souveräne europäische Autorität ins Leben rufen. Aber wir arbeiten auch bereits an der Schaffung Europas, indem wir damit beginnen, europäische Körperschaften zu bilden, die für gewisse Aufgaben spezialisiert sind, und die ihren Platz in dem allgemeinen Rahmen einer Organisation Europas haben. Dies ist der Weg, für den wir uns entschieden haben.