Das britische U-Boot Affray ist von nächtlichen Tauchübungen im Kanal nicht zurückgekehrt. 75 Personen waren an Bord, aarunter eine Anzahl Offiziere, die ihre U-Boots-Ausbildung erhielten. 48 Stunden konnte das Boot ohne Frischluftzufuhr unter Wasser bleiben, doch ist diese Zeit längst verstrichen. Mehr als 50 britische, amerikanische, französische, belgische und dänische Kriegs- und Handelsschiffe suchten überall. 34 Spezialschiffe schleiften mit Netzen und Ketten den Meeresboden der mutmaßlichen Unglückstätte in der Nähe der Insel Wight ab. Schwache Schallsignale, die anfangs noch zu hören waren, blieben schließlich aus. Die britische Admiralität hegt keine Hoffnung mehr für die Rettung der 75 Insassen. – Die Not der Männer in einer solchen verzweifelten Situation schildert der nachfolgende Bericht aus dem zweiten Weltkrieg, der von dem Ende eines deutschen U-Bootes vor Singapur berichtet.

U856 hieß das Boot, und es war seit vier Monaten unterwegs. Die Besatzung war bleich, fieberte, und in den Maschinenräumen zeigte das Thermometer 100 Grad Celsius. Aber jetzt, am Abend des 23. September 1944, gab der Kommandant die Einlaufmeldung an das damals von den Japanern besetzte Singapur ab –: nur noch kurze Zeit, dann würden sie den Hafen erreichen.

Die Brückenwache wurde verstärkt, denn es war bekannt, daß sich hier feindliche U-Boote gerne auf die Lauer legten. Man war etwas leichtsinnig geworden und fuhr über Wasser, mit zahlreichen Siegerwimpeln am Sehrohr. Die Bärte wurden geschoren und alles zum Empfang in Singapur klargemacht. Der Wachingenieur, ein Leutnant, kam für einen kurzen Augenblick auf die Brücke, nahm eine Nase voll frische Luft und stieg wieder hinunter. Unten im Turm unterhielt man sich darüber, ob noch etwas passieren könne. Der Leutnant war Pessimist: „Es sind schon Boote kurz vor der Einfahrt auf eine Mine gelaufen“, sagte er zu einen Zentralemaat. Er sagte es aber nur ganz leise und der Unteroffizier lächelte ein wenig und schüttelte den Kopf. Und da passierte es schon: Eine furchtbare Detonation – Torpedotreffer. Das Boot wurde in zwei Hälften gerissen. Das Licht verlöschte, das Wasser stieg schnell. Die beiden Hälften neigten sich jede für sich und schossen in die Tiefe. Schotten und Vorreiber waren verkantet und verbogen. Alle technischen Hilfsmittel waren ausgefallen. Der Wachoffizier des Bootes, dem durch das Schott beide Handgelenke gebrochen waren, zwängte sich durch die schmale Öffnung und sah, wie die Leute, die sich im Bugraum aufgehalten hatten, entsetzt durcheinanderliefen. Der Druck im Boot stieg schnell auf sechs Atmosphären. Das Wrack lag auf sechzig Meter Tiefe. Zwei Batterieexplosionen erfolgten, Chlorgas strömte aus, die Preßluftflaschen bliesen ab, einige Männer brachen zusammen. Dem Wachingenieur gelang es, die übrigen etwas zu beruhigen. Selber hatte er die Hoffnung aufgegeben. Die Luftschicht im vollgelaufenen Boot betrug noch 30 Zentimeter, alles klebte an den Ventilen unter der Decke. Einer riß den anderen in die Tiefe, und einer nach dem anderen ertrank. Zwei Unteroffiziere bemühten sich an der Öffnung der Luke, die der einzige Weg ins Freie war, ein Weg durch sechzig Meter Wasser mit einem Druckunterschied von sechs Atmosphären.

Aber die Verschlüsse waren verbogen und verrostet. Einer der Soldaten fing an zu beten, der andere hielt eine Ansprache, in der er verkündete, daß es ehrenhaft sei, für den Führer zu sterben. Ein dritter nahm sein Bettzeug und ein herumschwimmendes Brett. Er wollte damit nach Hause gehen. Der Wachingenieur mahnte wieder zur Ruhe. Er sagte, vierzig Meter wären keine Tiefe, und sie würden sich schon retten können. „Vierzig Meter“, hörte einer der Männer, doch er wußte, daß das nicht stimmte. Er drang auf den Offizier ein und wollte ihn niederschlagen. Aber der wehrte sich verzweifelt seiner Haut. Zwei andere halfen ihm. Es kam zu einem erschütternder Kampf. Bei 30 Zentimeter Luftschicht! Und das Wasser stieg höher. Und der Druck wurde stärker. Einem Unteroffizier gelang es, unter Wasser aus der Kombüse einen schweren Hammer zu holen, mit dem versucht wurde, das Luk zu öffnen. Nach 17 Minuten Todeskampf gelang es. Sechs Mann waren noch am Leben. Die Tauchretter wurden angelegt, soweit dies noch nicht geschehen war. Der Wachingenieur kontrollierte sie noch einmal alle durch. Dabei riß einer der Männer ihm das Mundstück entzwei. Es mag ein Versehen gewesen sein. Der Offizier gab Befehl das Luk zu öffnen. Eine Luftblase zog den ersten ins Ungewisse hinaus. Der Wachingenieur stieg als letzter aus, ohne Mundstück, nur mit der in der Lunge angehaltenen Luft. Alle Männer schossen in die Höhe. Das war der gefährlichste Augenblick. Denn der Druckunterschied zwischen 60 Meter Tiefe und Wasseroberfläche war zu groß, um in wenigen Minuten ausgeglichen werden zu können. Die komprimierte Luft zerfetzte die Lungenflügel. So kamen einige fürchterlich zugerichtet an die Oberfläche. Die anderen hatten das getan, was man ihnen immer wieder gesagt hatte: Nur ausatmen, die Luft aus der Lunge herauspressen, so viel und so schnell wie möglich. Sie schwammen erschöpft auf der leichten Dünung. Aber eine neue Gefahr tauchte auf: Haifische! Die Detonation hatte diese Bestien zunächst verscheucht. Doch kamen sie langsam wieder näher. Eine halbe Stunde kämpften die Männer mit den Wogen. Dann tauchte ein englisches U-Boot auf und nahm einen nach dem anderen an Bord, bis es durch japanische Flugzeuge gezwungen wurde, wieder zu tauchen ... Dieter Beste