Bei den (durchweg negativ ausgehenden) Bestandsaufnahmen der heutigen deutschen Dramenproduktion werden die Hörspieldichter ganz außer acht gelassen. Völlig zu Unrecht. Denn erstens ist das Hörspiel eine legitime Spielart des Dramas, und zweitens arbeiten zur Zeit in Deutschland Autoren für das akustische Theater, die es mit den meisten Volldramatikern getrost aufnehmen können. Neben dem blitzgescheiten Christian Bock, dem erfinderischen Guntram Prüfer und dem vehementen Herbert Reinecker tritt mit immer schärferem Profil Gunther Eich hervor. Er ist kein Zeitvertreiber und Unterhalter; er verschmäht die gemütlichen Schnörkel. Er geht den Fragen, die er aufgreift, an den Kern. In der „Gekauften Prüfung“, vor einigen Monaten, präparierte er, als umsichtiger Kasuist, einen zweischneidigen Fall von läßlicher und doch gravierender Sünde heraus. In der Folge von fünf Traumspielen, lapidar „Träume“ genannt, die der NWDR Hamburg am 19. April sendete, hat er jene Wende im durchschnittlichen Bewußtsein markiert, die unser „Zeitalter der Angst“ vom Zeitalter des frohgemuten Fortschrittsglaubens unwiderruflich scheidet. Die fünf Träumenden sind irgendwer in fünf Erdteilen; das Entsetzen ist längst global. Sie träumen präzise Szenen der Entmenschung, mit jener Mischung aus Absurdität und Schlüssigkeit, die gerade dem Schrecktraum eigen ist: eingesperrt sein, ein Kind zur Schlachtbank bringen, die Heimat verlieren, das Gedächtnis einbüßen, dem Biß von Termiten ausgesetzt sein – fünf Verdichtungen des Schauders, die das wache Bewußtsein wohl verdrängen, aber nicht mehr durch Gewißheit überspielen kann. Blicke in den Krater des Vulkans, auf dem die Träumer tagsüber weitertanzen. Pessimismus? Nein, Aufforderung zur Tapferkeit, Warnung vor der verblendeten Glückssucht, die das Unheil beschleunigt. Der Dialog ist knapp, beklemmend, erbarmungslos. Bohrend und dröhnend die akustischen Symbole: ratternde Räder des fahrenden Gefängnisses, Negertrommeln, Wühlen der Termiten. cel.