Daß es in England, anders als in Deutschland, keine schroffe Trennung zwischen literarisch anspruchsvollem und unterhaltendem Roman gibt, liegt gewiß auch daran, daß schlechterdings jeder englische Roman ein Stück Analyse und Kritik der englischen Gesellschaft gibt. Der Romancier ist dort mehr als bei uns ein Organ der öffentlichen Meinung. Er hilft klärend bei der langsamen Umbildung der Lebensformen und deutet sie für die nachwachsende Generation. So wird ein Buch wie Francis Brett Youngs „Claire“ (Paul Zsolnay Verlag, Wien, 904 S.) verständlich, das ein Frauenleben im ersten Viertel unseres Jahrhunderts schildert. Das Bild einer im ganzen noch fest gefügten und auch durch den Krieg kaum ernstlich erschütterten Gesellschaft wird nach allen Seiten hin ausgeleuchtet. Trotzdem: eine gar nicht ungewöhnliche junge Frau – eben Claire – wird dadurch, daß sie sich in ihrer Offenherzigkeit nicht in die konventionellen Lügen der Ehemoral fügen kann, gezwungen, ihr Leben auf eigene Entscheidung zu wagen. Es kommt kaum zu dramatischen Konflikten. Aber gerade die stille und behutsame Ablösung von den Begriffen der gängigen Sitte spiegelt die wirkliche Entwicklung getreulich wider. Mit leiser Ironie vermerkt der Erzähler, daß die nächste Generation – Claires Sohn – sich wieder den starreren Auffassungen zuneigt. Ein kluges Buch, das auch bei uns von Frauen mit Anteilnahme gelesen werden wird. I. H.