Kein wirklich großer Schriftsteller überlebt sein Werk. Auch wenn, wie Hermann Hesse heute von sich sagt, „aus ihm nichts mehr werden“ kann, so bleibt das, was er geworden ist, in ihm selbst erhalten. Jeder Satz, den er schreibt, spiegelt sein Wesen und widerlegt – als Ausnahme – die Regel, daß die Existenz eines Menschen seiner Essenz nicht vorgreifen kann. „Auf überwachsenem Pfad“ ist die Quintessenz der Person Knut Hamsun, und die soeben von Suhrkamp vorgelegte „Späte Prosa“ Hermann Hesses zeigt, daß auch an ihm das Seltene Ereignis geworden ist: der Kreis ist gerundet, die Gestalt gebildet.

Alle Verschlossenheit scheint abgefallen, und der Leser wird in Freundesland geladen. Er folgt behutsam, seine Füße werden ihm leichter. Und er merkt erst nach einer Weile (oder es bleibt ihm vielleicht ganz unterbewußt), daß diese Stimmung vertraulicher Gemessenheit ganz ungemein durch die von Suhrkamp gewählte Drucktype gefördert wird. Hesses „Späte Prosa“ ist in Fraktur gesetzt – jenen Lettern, die einst fast jedes Buch und jede Zeitung auf den ersten Blick als deutscher Herkunft erkennen ließen, die als „deutsche Buchstaben“ von gewissen Kreisen erbittert gegen die Überfremdung mit „lateinischen“ verteidigt wurden und die doch seit Mitte des letzten Krieges so gut wie ganz aus dem graphischen Gewerbe ausgeschieden sind.

Kurioser Vorgang: das „Großdeutsche Reich“ nahm Rücksicht auf die Völker, die es sich einverleiben wollte, und mochte ihnen das Erlernen der ungewohnten Frakturschrift nicht zumuten; darum hatten alle. Verlage und Druckereien sich auf die international geläufigen Typen (zumeist Antiqua) umzustellen. Nach 1945 hätten die Controller Mühe gehabt mit den „gothic letters“. und so blieb es bei der Antiqua. Nach Wiederherstellung der kulturellen Souveränität Deutschlands hatten sich Hersteller und Leser ganz und gar eingewöhnt.

Daran wird kaum etwas zu ändern sein, und man wird hinfort vielleicht noch „Fraktur reden“, aber ein in Fraktur gedrucktes Buch, das irgendwo im Regal steht, sogleich als deutsches Buch vor 1943 agnoszieren können. Aber schön ist es doch, wenn hin und wieder Ausnahmen vorkommen. Etwa, und gerade, mit Hermann Hesse. Dem Buch eines deutschen Nobelpreisträgers wird keiner nachsagen wollen, es treibe Eigenbrötelei. C. E. L.