Von Leopold Ziegler

Entgegen einer fast schon hoffnungslos gewordenen Hoffnung konnte die Fahrt durch den Gotthard doch noch einmal angetreten werden. Wie in der Vergangenheit stets, begann auch heute wieder die einzigartige Gebirgsaufstockung, Zinne der Alpen, ihre nie verjährbare Gewalt auf ein, so schien es noch vorhin, ermattendes, wenn nicht verbrauchtes Gemüt auszuüben. Halbvergessene Weisen aus dem halbvergessenen Lied der Mignon wollten sich auf die entwöhnten Lippen drängen. „Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, in Höhlen wohnt der Drachen alte Brut“ ... Aber halt – hier gab es irgendwie eine Lücke. Trotz hartnäckiger Bemühung konnte ich des letzten Verses nicht habhaft werden, und leider erwies sich auch das Gedächtnis meines um Jahrzehnte jüngeren Reisegefährten nicht zuverlässiger als das eigene. Ein wenig ärgerlich, ein wenig beschämt, verlegten wir uns aufs Raten. Als Reim auf „Brut“ in der vorletzten Zeile kam ernstlich nur „Flut“ in Frage; schließlich einigten wir uns auf ein leidiges Ungefähr: „Vom Fels stürzt steil des Wassers wilde Flut“, oder so ähnlich.

O ja – oder so ähnlich! Indessen vermochte der Freund an unserem Reiseziel eine Goetheausgabe aufzutreiben. Der vermißte Vers hatte, wie könnte es anders sein! recht und schlecht den Wortlaut: „Es stürzt der Fels und über ihn die Flut“ ... So war das. Eines Gelächters konnten wir uns nicht erwehren, das aber rasch einer tiefen Betroffenheit, um nicht Getroffenheit zu sagen, weichen mußte. Mit welcher Sicherheit, ja Unbedingtheit, und aus welcher geheimnisvollen Machtfülle heraus hatte der Dichter da ins Leben der Sprache und der Sache, der Landschaft und der Umwelt gegriffen. Welche Verwandlung des gesamten gegenwärtigen Schauplatzes bewirkt er mit dem einfachen Kunstmittel, daß er das Zeitwort an die Spitze seiner Aussage stellt. Daß er den Leser hierdurch mit einem Zauberschlag von der unmittelbaren Umweltwirklichkeit fort und in sagenfrühe Vorwelt, in die Urwelt selber tief hineinreißt. Denn wenn es vom Felsen heißt, er stürzt, dann meint dies keineswegs allein, daß er sich, gehorsam seiner Schwere, zum Grunde neigt und in die Tiefe fallen läßt, die keinen Boden hat.

Nein, solches nicht allein macht uns des Dichters Zauberwort anschaulich. Was vielmehr gegenwärtig abstürzt in die Tiefe, das muß irgendwann einmal zur Höhe aufgestiegen oder emporgehoben worden sein. Den Sturz ermöglicht immer bloß der Hub, den Fall der Stieg. Auch dieser ragende Gebirgswall von Granit, diese tarr getürmte Zinne von Basalt, auch sie entiehen sich der Notwendigkeit des Ursprungs nicht. Oder in anderer Fassung – das für Vers und Strophe gleicherweis entscheidende Zeitwort bringt vor den inneren Blick, sozusagen die Zeitlichkeit als solche durchquerend: daß diese heute so beruhigte Gebirgswelt erst gestern aus dem Schoß kreißender Urweltmeere tauchte. Was über ist nunmehr, wenn nicht das, was vorhin und vorher war? Was währt, was zeitigt und was ewigt? Im Augenblick, und in Kraft des einen und rechten, nämlich des wirksamen Zeitwortes, erscheint die bloße Geschaffenheit kalter keine zurückverwandelt in des Schaffens Geist->raus. Der Flammenhauch der Schöpfung, Flamnenhauch des Schöpfers löst alles gegenwärtig Starre in seinem Nu, zerschmelzt es und verlüssigt es. Berg und Wasser, Fels und Flut gerinnen ineinander und werden eins. Hinter der verbürgten Ordnung der genaturten Natur regt und redet sich riesenhaft die naturende Natur.

Hatte uns auf solche Weise gerade das vorlagen de Gedächtnis zu besserer Würdigung verlottern, was eines Dichters sicherer Griff in die Sprache vermöchte – für mich persönlich mußte dasselbe Begebnis noch eine höhere Bedeutung gewinnen. Als Verfasser von „Menschwerdung“, deren Vollzug von mir verknüpft gedacht wird mit dem Gebetsvollzug der Sieben Bitten, hatte ich meine Sorge vornehmlich darauf verwendet! daß die Eindeutschung dem Zeitwort seine ursprüngliche Stelle beläßt, die es im griechischen Text einnimmt. Mit Ausnahme der Vierten Bitte nämlich, die ihrerseits, und triftig genug begründet! mit dem evangelischen Schlüsselwort „Brot“ anhebt, setzen sämtliche Bitten das Zeitwort mit auffälliger Beharrlichkeit an ihre Spitze. So daß der Ansatz in formelhafter Wiederholung jeweils lautet: Geheiligt werde, Es komme oder nahe, Es geschehe, Erlasse uns, Führe uns, Errette oder erlöse uns ... Warum diese Regelmäßigkeit? Was hier die Sprache mit einer sonst nicht zu erzielenden Unmittelbarkeit zum Ausdruck, ja recht eigentlich in Gang bringt, das ist das schlechthin nicht abdingbare Anliegen des Gebets und bleibt es! Das ist und bleibt, mit einem Wort, die Herabkunft, die Ankunft des in den Gebetsstufen erdwärts herabsteigenden Königreichs der Himmel. Das ist und bleibt das nirgendwo und -wann bereits gewirkte, aber überall und immer zu wirkende Werk herab- und ankünftiger Er-Reichung. Denn wer oder was sollte eben diese Er-Reichung quer durch die Zeitlichkeit hindurch jemals betreiben: wenn nicht das „Wort der Zeit“, in seinem Sinn und Hintersinn, als solches?