Der letzte Marschall Frankreichs, Henri Philippe Pétain, hat als sterbender Gefangener noch einmal die Welt in Atem gehalten, wie vordem als siegreicher Heerführer. Ein elender Kollaborateur, sagen viele Franzosen, dessen ruhmreiche Laufbahn damit endete, daß er sein Vaterland verriet. Doch kann man von ihm in der Tat sagen, daß er ein Kollaborateur war? Hören wir einen wichtigen Zeugen: Adolf Hitler! „Ich weiß sehr wohl, daß es zwischen Pétain, Laval und de Gaulle keinen Unterschied gibt. Dem Anschein nach getrennt, arbeiten sie doch – was übrigens nur natürlich ist – in vollem Einverständnis miteinander.“ Dies sagte Hitler Im November 1940 zu dem damaligen spanischen Außenminister Ramon Serrano Suner, der das Gespräch in seinem Buch „Von den Pyrenäen bis Gibraltar“ wiedergegeben hat. Spaniens Staatschef, General Franco, hat kürzlich geschildert, wie er im Jahre 1940 dem alten Marschall, der damals Botschafter in Madrid war, zugeredet habe, der Aufforderung der französischen Regierung, nach Hause zu kommen, nicht zu folgen. Pétain aber habe geantwortet: „Mein Land ist besiegt. Jetzt ruft man mich, damit ich Frieden schließe und den Waffenstillstand unterzeichne. Ich muß gehen.“ Auch der ehemalige amerikanische Botschafter in Vichy, Admiral William D. Leahy, hat in seinen vor einem Jahr veröffentlichten Memoiren sich warm für Pétain eingesetzt, der ihm mehrfach geholfen und beim Abschied gesagt habe: „Wir werden immer Freunde Amerikas bleiben.“ Präsident Truman habe ihm zwar 1945 verboten, in dem Pétain-Prozeß, „einem rein französischen Prozeß“, auszusagen, aber jetzt hielte er es für seine Pflicht, mit der Wahrheit nicht länger zurückzuhalten... Also nochmals: War Pétain ein Kollaborateur? Und – was eigentlich ist ein Kollaborateur?

Das französische Wort collaboration geht auf das lateinische Verbum collaborare – mitarbeiten – zurück, hat also einen harmlosen Ursprung. In politischer Hinsicht kann es sowohl Zusammenarbeit von Verbündeten wie auch Zusammenarbeit mit dem Feinde bedeuten. Seit dem letzten Kriege jedoch hat sich der Sinn verengt. Kollaboration bezeichnet nur noch Zusammenarbeit mit einer Besatzungsmacht, und seitdem gilt sie bei den westeuropäischen Staaten, die im letzten Kriege von deutschen Truppen besetzt waren, als ein Kapitalverbrechen.

Daß dies auch uns in Deutschland angeht, wird niemand leugnen wollen. Bereits in der sechsten Ausgabe unseres ersten Jahrgangs, am 28. März 1946, haben wir so deutlich, wie es uns damals möglich war, auf dieses Problem hingewiesen. Wir schrieben zum 200. Geburtstag von Francisco de Goya, im Gedenken daran, daß der große französische Bildhauer Aristide Maillol von résistance-Kämpfern als Kollaborateur umgebracht worden war, einen Artikel, der so anfing: „...Während meiner Abwesenheit habt auch Ihr Euch die Verbannung verdient, nein, eigentlich den Würgestrick, die Garotte. Doch weil Ihr ein großer Künstler seid, wollen wir Vergessen üben. Diese Worte sprach, so wird berichtet, Ferdinand VII. zu seinem Hofmaler, dem alten Goya, als er nach dem Sturze Napoleons wieder König geworden, in seine Hauptstadt zurückkehrte. Goya hatte zu jenen gehört, die dem Usurpator Josef Buonaparte den Treueid geleistet hatten.“ Und der letzte Absatz unseres damaligen Artikels begann mit den Worten: „Was wäre geschehen, wenn Ferdinand VII., der schlechteste Monarch auf dem spanischen Thron, boshaft, heimtückisch, dumm, grausam und eitel, nicht so weit König gewesen wäre, daß er die Gnade gekannt hätte? Wenn Goya zum Tode verurteilt, durch die Garotte stranguliert oder durch Mitglieder einer resistance mit einem Hammer erschlagen worden wäre, wie es einem großen Bildhauer unserer Tage geschah?“

Wir hatten damals erhebliche Nackenschläge erwartet. Aber nichts erfolgte. Im Gegenteil, der Aufsatz wurde sogar in der französischen Besatzungszone nachgedruckt. Wir hatten die Frage nach dem moralischen Wert einer Kollaboration, die für viele Deutsche einen ernsten Gewissenskonflikt bedeutete, gestellt und erhielten keine Antwort. In den westlichen Nachbarstaaten wurden weiter Kollaborateure eingekerkert oder umgebracht; von uns aber verlangte man als eine Selbstverständlichkeit, daß wir kollaborieren sollten. Offenbar gibt es zweierlei Arten von Kollaboration: eine böse mit schlechten Mächten und eine gute mit den guten.

Es wird also nicht nach dem Motiv gefragt, aus dem heraus sich jemand zu einer Zusammenarbeit entschließt, sondern nach der Moral der Besatzungsmacht, mit der der einzelne kollaborieren will. Wie sehr hier aber das Urteil schwanken kann, das zeigt die Geschichte jener Partei, die ein besonders aktives Element der resistance bildete und die die Bestrafung der Kollaborateure am schärfsten forderte: die Geschichte der Kommunistischen Partei Frankreichs während des vorigen Krieges.

Im August 1939 zeigte sie noch einen antifaschistischen Elan und einen natiomlfranzösischen Patriotismus, Eigenschaften, in denen sie durch keine andere Partei übertroffen werden konnte. Zeichnete sich auch nur die geringste Möglichkeit einer Verständigung ab, so warnten die Kommunisten mit beschwörenden Vorten vor einem „neuen München“. Doch da kam völlig unerwartet die Nachricht, daß der Kreml einen Pakt mit Hitler abgeschlossen habe. Die Verwirrung war grenzenlos, und es dauerte praktisch einen ganzen Monat, bis die Parteileitung eine Phrase gefunden hatte, den Zwiespalt zu überbrücken, der zwischen ihrer bisherigen Forderung, jeder Franzose habe die Pflicht, für die Freiheit Danzigs zu sterben, und der neuen Version bestand, die französischen und englischen Imperialisten wären schuld am Kriege, weil sie die polnische Regierung dazu bewogen hätten, jede friedliche Regelung zu verweigern.

Es kam die Niederlage Frankreichs und damit die Besetzung. Die kommunistische Partei suchte engste Verbindung zu den Deutschen aufzunehmen. Sie war bereit, in jeder Weise zu kollaborieren. Jetzt hieß das Programm: Sofortiger Waffenstillstand, Friedensschluß, Wiederherstellung der Ordnung, der Produktion, der Disziplin – „Frankreich, an die Arbeit!“ Die Humanité das Blatt der Kommunisten, das von der französischen Regierung bei Kriegsbeginn verboten worden war, durfte – wenn auch noch nicht offiziell – wieder erscheinen: es wurde unter stillschweigender Genehmigung der Besatzungsbehörden gedruckt und verbreitet. Die kommunistische Partei war also nicht mehr illegal, sie war halblegal geworden. Verhaftete Flugblattverteiler wurden von der deutschen Kommandantur nach 24 Stunden freigelassen. Mitglieder der Fünften Kolonne, die in den Gefängnissen saßen, wurden von deutschen Truppen befreit.