Die Reihe der wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen der Alliierten in Westdeutschland soll sich um einen weiteren „Fall“ vermehren. Wohin die Verkettung von kartellwirtschaftlicher Theorie, Konkurrenzstandpunkt und militärischer Befehlsgewalt führen kann, wurde deutlich, als am Montag dieser Woche in dem kleinen linksrheinischen Städtchen Dormagen 4200 Frauen und Männer – zusammen mit Betriebsrat und Direktoren – gegen die Abtrennung „ihrer“ Textilfabrik vom Mutterwerk, den Farbenfabriken Bayer in Leverkusen, protestierten. „Was die rapide Entwicklung der chemischen Fasern in den USA ermöglicht hat, nämlich die Zusammenfassung des chemischen Rohstoffes und seine Verarbeitung zum webfähigen Faden, soll nun in Deutschland durch die Zerschneidung aller Bande zwischen Leverkusen und Dormagen zerstört und Deutschland soll auf dem Weltmarkt weiter geschwächt werden“, erklärte Dr. Haberland, der Leiter der Farbenfabriken Bayer. Und der Betriebsratsvorsitzende wandte sich dann an die Adresse der Hohen Kommission mit den Worten: „Wir glauben, daß die Stimmen von 10 000 Menschen in einer Welt gehört werden, die um die Ideen einer freien demokratischen Menschheit ringt“. Die Belegschaft richtete ein Telegramm an den Petersberg: „Respektvoll aber leidenschaftlich protestieren wir gegen die Ausgliederung. Wir wollen nicht einfach mehr herumkommandiert und durch einen Federstrich von unseren sozialen Vorteilen und unserer Existenz gerissen werden.“

Da auch die Bundesregierung bereits mehrfach ihre Stellungnahme zugunsten des Verbundes Leverkusen-Dormagen zum Ausdruck gebracht hat, steht den Amerikanern eine sehr feste und geschlossene Meinung gegenüber. Gewiß bleibt ihnen die Möglichkeit eines Diktates. Ist das aber die Politik von 1951? Wir meinen, daß bei einer sachlichen Würdigung und nochmaligen Behandlung des Komplexes die jetzige Fehlentscheidung leicht revidiert werden könnte und sollte. Angesichts der befohlenen und jetzt erreichten Gesamtzerschlagung der IG Farbenindustrie AG stellt sie eine wirklich unnütze Belastung des deutsch-alliierten Verhältnisses dar. ge.