Kriegsdichtung heute? Der Leser ist geneigt, sich ihr zu versagen. Kopfschüttelnd sieht er die Schatten der Wehner, Beumelburg, Dwinger, Euringer vorüberziehn. Nie wird er zurückfinden zu jenen frühen Bänden eines Ernst Jünger, die im Schauder von „Feuer und Blut“ und „In Stahlgewittern“ den „Kampf als inneres Erlebnis“ feierten, um das Bürgerliche abzutrumpfen. Aber will man wirklich endgültig vergessen, daß sich vor Ende des ersten Weltkrieges noch eine anders geartete Kriegsdichtung konstituierte? Die „Kriegsbriefe gefallener Studenten“ gehörten unabsichtlich dazu. Der ätzende Feldsanitäterroman „Die Pflasterkästen“ von A. M. Frey ließ die Kriegsapotheose gründlich zuschanden werden. Edlef Köppens faszinative Romandichtung „Heeresbericht“ warnte davor, die Katastrophe könne wiederkehren. Schon war das Thema konjunkturell geworden, die Transfiguration ins Heroische im Schwange, als Köppens Romandichtung 1930 erschien. Zu einer Zeit, da die Auflage von Remarques „Im Westen nichts-Neues“ die Million überschritten hatte.

Heute scheint jene Kriegsdichtung von damals mit dem Stigma der Vergeblichkeit gezeichnet. War sie umsonst? Wollte man das behaupten, müßte man jeden Anruf an das Menschliche verdammen. der nicht Erhörung findet. Auf ein anderes Blatt gehört die Beobachtung, daß offenbar ein ausländischer Kriegsroman wie Norman Mailers „Die Nackten und die Toten“ gegenwärtig bei uns leichter Leser gewinnt als ein Kriegsbuch, das sich mit unseren eigenen Erleb nissen befaßt. So fand etwa Hans Werner Richters Roman „Die Geschlagenen“ sein Echo im Ausland und nicht hier unter denen, für die er geschrieben wurde. Wie dem auch sei, das Vorurteil, heute könne es für uns eine angemessene Kriegsdichtung noch nicht wieder geben, ist jedenfalls revisionsreif. Daß die Revision jetzt stattfinden kann, ist ein Verdienst des Hamburger Verlages Christian Wegner. Er präsentiert als überraschende und überragende Kriegsdichtung unserer Tage den Roman „Mit dem Ende beginnt es“ von Erich Landgrebe (354 Seiten, 10,80 DM). Ein Erzählbuch, das, bereits vor der Kapitulation in transatlantischer Gefangenschaft entstanden, komplex und schlüssig das Erlebnis des Rußland-Feldzuges eingefangen hat. Nicht zwar, insofern es sich vor Stalingrad, Sewastopol, Leningrad vollzog. Aber doch in Gestalt jener tausendfach erfahrenen Erschütterung, die das Ausgesetztsein in uferloser Ungewißheit und bedrohlicher Fremde zumutete. Man denke an die Verstrickung in die bleierne Monotonie des Winters, an die Bedrängung durch die unvermeidliche einheimische Dorfgemeinschaft in einem Kirchort, der einer motorisierten Formation bei Ausbruch der Schlammperiode zum Zwangsquartier wird. Flugzeuge landen Partisanen. Spionage und Verrat regen sich. Um ein Russenmädchen ballen sich Spannungen, die eine unreife Männlichkeit überfordern. Bomben, Gefechte, Flucht, Lazarett.

Wie durch ein Brennglas ist das alles im Tagebuch eines Malers und Zeichners aus dem Salzburgischen eingefangen, sinnvoll das Memorial des dem Tod bestimmten Jüngeren eingeflochten, der nicht das Zeug hat, tapfer zu sein. Hinter dem Tapferkeitswahn derer, die willentlich das Sterben wählen, und sei es zur Rettung anderer, dämmert eine stumme Gesetzlichkeit auf. Verwirkt nicht der gerade sein Leben, der es innerlich aufgibt? Liegt die Antwort darauf nicht jenseits aller Zufälligkeit der Waffen und ihrer Geschosse? Sich wegwerfen, ist leicht; etwas anderes, sich bis zur Neige ins eigene Antlitz sehen. An solchen Bezüglichkeiten reift Landgrobes Roman zum Gleichnis. Das Gefühlte ist darin zugleich gesehen und geschaut. Jedes Schicksal hat seine Kontur, jeder Gedanke sein reines, farbiges Bild, jeder Satz seinen Rhythmus. Die Lektüre dieser unerbittlich wahrhaftigen, legitimen Kriegsdichtung ist wie ein einziges Wiedererkennen. Hansgeorg Maier