Daß Optimismus und wirtschaftlicher Weitblick, in der Welt noch nicht ausgestorben sind, zeigte die Südafrikanische Union gerade in diesen Wochen, in denen sie den ersten Spatenstich zu einem neuen Riesenwerk der Schlüsselproduktion durchführte. Verhöhnt und verzerrt – aber mit Wißbegier nacherfunden – steht Deutschlands Pionierarbeit auf dem Gebiete der Benzinsynthese auf Steinkohlenbasis, das sog. FT-Verfahren (Fischer-Tropsch), in der internationalen Debatte. Fünf Jahre lang versuchten alliierte Beamte, die Sinnlosigkeit der deutschen Kohlechemie auf diesem Gebiete zu beweisen, und verboten, neue Wege in dieser Forschung zu gehen. Aber dennoch – die Überschrift „Trotz Verbot nicht tot“ dürfte getrost über diesem Kapitel deutscher Geschichte stehen.

Im Ruhrgebiet hat man jene Erfahrungen der Großproduktion an synthetischen Treibstoffen nicht vergessen, die in den Kriegsjahren gesammelt wurden. Die Chemiker haben sich natürlich auch über den Zeitpunkt der Kapitulation hinaus mit ihren Lieblingsthemen beschäftigt, und Techniker und Ingenieure haben desgleichen „nachgedacht“. Der Erfolg blieb nicht aus. Der Vorsprung ging nicht verloren; die Fachleute hoffen, ihn weiter vergrößern zu können.

– Die Südafrikanische Union wird zeigen, wie die als „unrentabel“ verschriene FT-Synthese in Wirklichkeit arbeiten kann. (Daß in den Vereinigten Staaten einige hundert Millionen vergeblich ausgegeben worden sind, ehe Benzin aus den Hähnen am Ende der Synthese zu fließen begann, sei nur am Rande bemerkt.) In Johannesburg, wo jetzt für 200 Mill. DM Aufwand eine FT-Anlage auf eigenem Kohlenbesitz entsteht, wo die Tonne Kohle rd. 7 DM kostet und die Gallone „Naturbenzin“ 3 sh 2 d, die Gallone Synthesebenzin aber bei einem Preis von 13,5 d noch eine schmucke Dividende für die South African Coal-Oil Ltd. abzuwerfen verspricht, dort kommen die modernsten deutschen Verfahren nach den Patenten der Ruhrchemie AG, Oberhausen-Holten, und die neusten deutschen Konstruktionen nach den Entwürfen der Frankfurter Lurgi-Gesellschaft zur Anwendung. Von 90 Mill. DM Maschinenmontagen fallen rd. 82 nach Westdeutschland, der Rest nach den USA. Von jenseits des Teiche? arbeitet mit der Ruhrchemie die W. Kellog Co. zusammen – beide nach ihren Systemen, aber in einem Arbeitsvorgang.

FT-Synthese Modell 1950/51 ist nicht mehr die FT-Synthese aus der Göring-Zeit. Ein Jahrzehnt liegt dazwischen. Selbst bei den heutigen Preisen für Kohle ist auch in Deutschland die synthetische Benzingewinnung wirtschaftlich, denn sie ist so vervollkommnet, daß rd. ein Drittel der anfallenden Primärprodukte aus „völlig neuartigen und bisher in ihrer Qualität“ noch nicht bekannten Schmierölen“ – so hörten wir von den Herren der Ruhrchemie –, ferner aus den knappen und überaus begehrten Hartwachsen, sodann aus Kogasin bestehen. Bei einer solchen Mischung der Produkte sei eine Wirtschaftlichkeit der neuen deutschen FT-Verfahren gegeben, „die im Rahmen der Rentabilität der Großchemie überhaupt liegt, vielleicht sogar darüber hinaus, recht lukrativ ist“. Unter diesem Gesichtspunkt ist ein Geldbedarf von rd. 60 Mill. DM für die sechs FT-Werke im Ruhrgebiet kein Risiko, vielleicht auch kein Problem. Jedenfalls wäre es kurios, wenn Südafrika allein vormachen sollte, was Westdeutschland längst kann. R.