Am 26. April findet in Hamburg eine Kundgebung der „Moralischen Aufrüstung“ statt. Ursprung und Ziel dieser ständig wachsenden Bewegung schildert der folgende Artikel.

Es ist stets eine ungewöhnliche Versammlung, die auf der Bühne erscheint, wenn die „Moralische Aufrüstung“ auftritt: Generale, Arbeiter und Politiker; frühere Kommunisten und ehemalige gnadenlose Kapitalisten. Aber immer wird die Versammlung von einer gemeinsamen Haltung geprägt. Die Menschen sind „verwandelt“.

Ein amerikanischer Pfarrer, Dr. Frank Buchmann war es, der Ende der zwanziger Jahre eine Frömmigkeitsbewegung ins Leben rief, die die üblichen Fehler einer Sekte vermied –: die Oxford-Bewegung. Sie erstrebte ein lebendiges Christentum. So wurde sie eine weltumspannende Erweckungsbewegung. In vier Forderungen faßte sie Gottes Gebot zusammen: Absolute Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe. Die Quelle ihrer Kraft war die Stille, die tägliche Stille vor Gott und das Erleben der christlichen Gemeinschaft. Das Neue, was sie brachte, war, daß das Alte geschah: In ihren Versammlungen hörte man keine großen Predigten, keine langen Reden, sondern nur kurze, persönliche Zeugnisse.

Die „Moralische Aufrüstung“ ist ein Kind dieser Oxford-Bewegung. Auch für sie bilden noch immer jene vier Forderungen das Fundament der Bewegung. Diese neue Ideologie ist so stark, daß sie die Schranken zwischen Menschen, Klassen, Nationen und Rassen zu sprengen vermag. Was sie verkündet, ist das Dogma des sozialen Friedens, die Lehre von der Vereinigung, nicht von der Trennung der Klassen, ist also jener Faktor der göttlichen Weltordnung, der in Vergessenheit geraten scheint.

Die Welt ist von einer tiefgreifenden geistigen Krankheit befallen: dem totalen Verlust einer tragenden und leitenden Lebensphilosophie. Es fehlt an gültigen, moralischen Normen für das leben. Materielle Interessen und amoralischer Opportunismus nehmen Ehrenplätze ein. Die moralische Ordnung ist zerschlagen worden und mit ihr der Glaube an Gott und die Achtung seiner Gebote. Aber ohne eine moralische Ordnung, die den einzelnen verpflichtet, kann keine Kultur und keine Lebensgemeinschaft bestehen, weder in der Ehe und in der Arbeit, noch in dem Verhältnis der Völker zueinander. In dieser Situation kommt es darauf an, die moralische Ordnung im menschlichen Bewußtsein wiederherzustellen, so daß sie im praktischen Leben wirksam werden kann. Das ist es, was die „Moralische Aufrüstung“ will. Durch Beeinflussung der Denkweise des einzelnen, will sie zu einer neuen Ordnung in der Welt kommen.

Von dem katholischen Schriftsteller Fulton Sheen stammt das Wort: Die westliche Welt habe in dem Sowjetsystem ihren eigenen individualistischen Atheismus in die Praxis umgesetzt. Deshalb können wir den Kommunismus auch nicht überwinden ohne den gottlosen Materialismus in uns selbst zu besiegen. Deshalb genügt auch die militärische Abschirmung unserer Welt allein nicht, um den kommunistischen Angreifer aufzuhalten. Die kommunistische Ideologie muß durch eine höhere Idee widerlegt werden. Die „Moralische Aufrüstung“ ist nicht gegen das, was im Kommunismus brennt. Sie wehrt sich daher mit aller Kraft dagegen, als westlich-reaktionär und antikommunistisch beurteilt, zu werden. Aber sie lehnt den destruktiven, zur Liquidierung führenden Weg der kommunistischen Diktatur und des kommunistischen Klassenkampfes ab. Sie gewinnt Kommunisten. Und dies ist mehr als Furcht oder Kampf...

Die „Moralische Aufrüstung“ ist keine Organisation, die man zusammenrufen kann. Sie ist eine Lebensform, die, wenn man in ihr lebt, die Lösung in sich trägt. Der englische Geschichtsphilosoph Toynbee behauptet, die Kultur beruhe auf einem Zusammenspiel zwischen Herausforderung und schöpferischer Antwort. Die Kultur werde gefördert, wenn eine schöpferische Antwort gegeben werde. Sie bräche zusammen, wenn keine derartige Antwort erfolge. Die schöpferische Antwort auf die Herausforderung der Gegenwart aber ist eine ökonomische, soziale und politische Verwandlung als Ergebnis einer persönlichen Lebenswandlung, als Ergebnis einer Verwandlung des Herzens. Engdahl Thygesen