Von Paul Hühnerfeld

Wir müssen denken“ – so heißt es in einem

Aufsatz des Schriftstellers Walter v. Molo, der den Titel trägt: „Ja, wir wollen uns retten“. Zwei Seiten vor jenem kategorischen Imperativ steht ein anderer: „Wir müssen Erwachsene werden.“ Und zwischen diesen beiden Seiten gesteht Molo: „Ich bin kein Mensch mehr des Entweder-Oder ... ich bin für das Sowohl-als-auch.“ Und den ganzen Aufsatz schließlich findet man in einer 118 Seiten langen Broschüre, auf deren Außenseite, die schwarzrotgoldenen Farben, ein Adler, zu seinen Füßen zwei winzige Intellekteelle, die sich die Hände schütteln, und das Goethe-Zitat „Wir heißen Euch hoffen“ prangen, während die Innenseite des Umschlags die Paßbilder von 25 deutschen Schriftstellern zeigt. Diese 25 Schriftsteller, vier aus der Sowjetzone und 21 aus der Bundesrepublik, hatten sich vor wenigen Wochen am Starnberger See zu einem Ost-West-Gespräch zusammengefunden; nun hat der Verleger Willi Weismann in München die Aufsätze dieser Schriftsteller, die denken und Erwachsene werden wollen, broschiert und von zwei Münchener Autoren, Georg Schwarz und Carl August Weber, herausgeben lassen.

Da stehen sie einträchtig beieinander: Ernst Penzoldt, dessen „Corporal Mombur“ heute in Westdeutschland wieder in aller Munde ist, Stefan Hermlin, der Dichter der Kantate auf Stalin und Hauspoet der FDJ, R. Goldschmit-Jentner, dessen Kolumbus-Biographie einmal Aufsehen erregte, Johannes R. Becher, Literaturpapst in Pankow, Hanns Henny Jahnn und Anna Seghers. Im zweiten Glied: Karl Jakob Hirsch, Walter Kolbenhoff, Arnold Krieger, Tami Oelfken. Und schließlich einige Namen, die man, fehlten sie, in dieser ,,Friedensdemonstration“ geradezu vermißt hätte: Herbert Lestiboudois, im Westen lebend, in der „Weltbühne“ schreibend, Johannes Tralow, im Westen lebend, bei der „DEFA“ gut bekannt, Irma Loos, im Westen lebend, aber „die Menschen in der DDR“ für die einzigen Deutschen haltend, „die in Ehren diesen Krieg verloren haben“, und Walter v. Molo, dessen Friedens-Solidaritätserklärung vor Wochen über alle ostdeutschen Sender ging.

Man merkt: Diese Broschüre ist schnell zusammengestoppelt worden; herein kam, was nur eben hineinging, und dann noch schnell das Nachwort des Herausgebers Carl August Weber. Da findet man Sätze wie diese: „Die künstliche Grenze, die westliche Eifersucht quer durch Deutschland gezogen hat...“ oder „das Gemeinsamste ist uns allen wieder bedroht: die Einheit unseres Volkes“. Aber es steht dort auch: „Der Dichter, der sich vor dem Volk hinter der Dichtung verschanzt, hat bereits aufgehört ein Dichter zu sein.“

Das also ist es: Die deutschen Schriftsteller, aufgebrochen aus der Spitzwegschen Poetenstube, haben die Politik entdeckt; nicht etwa einer von ihnen oder zwei, sondern gleich fünfundzwanzig, womit es sich also sozusagen um eine Kollektiv-Entdeckung handelt. Das Entdeckte sieht dann so aus: „Eine Regierung, die jede Art von Pazifismus diffamiert..., will den Krieg.“ (Tami Oelfken.) „Das Kind“ (gemeint ist ein symbolisches Kind der Westzone) „bekam zuerst Milchpulver und dann parfümierte Schokolade und schließlich Coca-Cola.“ (Aus einer Parabel von Lestiboudois.) „Der Nationalsozialismus ist deswegen so gefährlich, weil seine funkelnden Kristalle um Kerne edelster Abkunft zusammenschießen.“ (Arnold Krieger.) „Soll Westdeutschland ohne Befragung für Europa bewaffnet werden, ungeachtet der größte Teil von Europa damit gar nicht einverstanden ist? Auf diese Art würde leicht dem westlichen Restdeutschland die Kriegsschuld für einen dritten Weltkrieg, neue Kriegsverbrechen befohlen.“ (Walter v. Molo.) – Genug! Der Schritt aus der Poetenstube in die Politik ist für diese Schriftsteller ein Fehltritt geworden – oder sagen wir es vornehmer: Der Weg von der litterature pure zur litterature engagée (es war übrigens der im Osten so angefeindete Sartre, der diese Begriffe prägte) wurde zum Irrweg einer Gruppe Intellektueller, die sich im Gegensatz zu dem Imperativ Walter v. Molos an den Schreibtisch setzten noch bevor sie gedacht hatten.

Vor Jahren schrieb Ernst Kreuder in der „Zeit“ einen Aufsatz „Die Achtung der Musen“. Kreuder sagte damals: „Wem hat der Schriftsteller nun mit seinem Wort zu dienen? Einer parteipolitischen Ideologie, die er für die Wahrheit hält...? Wer diese Frage beantworten will, muß einmal sämtliche Wahrheitslehren vergessen, den Vatikan wie den Kreml und auch das letzte literarische Manifest aus Paris... Er hat nur noch eine Instanz: sein Gewissen.“ – Aber gerade diese Instanz scheint für die westdeutschen Schriftsteller, die sich „engagieren“ wollten, nicht maßgebend gewesen zu sein. Was aber sollte denn maßgebend sein für die litterature engagée, wenn nicht das eigene Gewissen? Oder wollen sie es wirklich vor ihrem Gewissen verantworten, dem Regime des Terrors und der Konzentrationslager so zu dienen, wie sie es durch ihre Beiträge in dieser Broschüre taten (nur einer, Rudolf Goldschmit-Jentner, deutet in seinem Beitrag diese Schrecken des Ostens an)? Abgesehen von den Böswilligen und Eindeutigen, die im Schutz des Westens für den Mord an der Freiheit arbeiten (Heinrich Christian Meier, Tralow, Georg Schwarz, C. A. Weber, Lestiboudois, Irma Loos), wie wollen die anderen (Walter v. Molo, Tami Oelfken, Hans Reisinger, Walter Kolbenhoff, F. M. Reifferscheidt etwa) sich da ausreden? Sie hätten das Vor- und das Nachwort vorher nicht gekannt? Sie hätten von der Art der Beiträge, die die linientreuen gaben (Becher, Hermlin, Seghers), nichts gewußt? – Aber sie hatten sich doch in die Politik begeben! Sie hatten sich doch engagiert, und da wußten sie nicht für wen?