Wer ist in unserer schematisierten Welt noch in der Lage, sachliches Vertrauen und menschliches Interesse zu erwecken? Allenfalls ein Politiker, der außerhalb des parteipolitischen Gezänkes steht, oder ein Unternehmer, der für das Miteigentum seiner Arbeiter eintritt, und in jedem Fall ein Gewerkschaftler, der die freie Wirtschaft gegen die Sozialisierung verteidigt! Das gibt es nämlich. Der sehr bekannte Schweizer Gewerkschaftler Vital Gawronski, Herausgeber der „Schweizerischen Metallarbeiter-Zeitung“, hat in einer Schrift „Staatsgewalt und Volkswohlfahrt“ (A. Francke-Verlag, Bern) die Wirkung der staatlichen Intervention auf die Lebenshaltung der breiten Masse untersucht.

Zuerst stellt Vital Gawronski folgende Frage: „Inwieweit wird durch vermehrten Staatseinfluß auf die Wirtschaft der materielle und kulturelle Aufstieg der arbeitenden Bevölkerung erleichtert und das Wohlergehen der kleinen Leute, die überall die große Mehrzahl der Bevölkerung bilden, gefördert?“ Um es gleich zu sagen: Vital Gawronski kommt zu negativen Antworten. „Die politischen Voraussetzungen“, so sagt er, „waren nach dem Kriege für die Durchführung des sozialistischen Programms in den meisten europäischen Ländern überaus günstig. Wie nie zuvor bestand die Möglichkeit, den Arbeitern zu geben, was der Sozialismus ihnen stets versprochen hatte, nämlich größere Wohlfahrt und größere Freiheit. Aber erblicken wir in Ländern mit sozialistischer oder sozialistisch beeinflußter Regierung mehr Wohlfahrt? Erblicken wir, auch wenn wir die Schwierigkeiten des Wiederaufbaues voll in Rechnung stellen, wenigstens ein Vorwärtsschreiten zu vermehrtem Wohlstande? Erblicken wir größere persönliche Entfaltungsmöglichkeiten für den Arbeiter? Was wir heute vor allem erkennen, sind Enttäuschungen.“ Und Gawronski begründet dies: im einzelnen: „Die Staatsbetriebe erwiesen sich als Defizitträger und Inflationserreger. In Frankreich, das die Nationalisierung wohl am weitesten von allen westlichen Staaten betrieben hat, ist der Geldbedarf der verstaatlichten und nationalisierten Wirtschaftszweige eine Hauptursache der Inflation gewesen.“ Und weiter sagt er: „Mißwirtschaft und Verschleuderung öffentlicher Gelder breiten sich im Gefolge der Sozialisierung allenthalben aus.“ Und weiter: „Es fehlen alle Anzeichen, um die Annahme zu rechtfertigen, daß durch die Verstaatlichungen der letzten Jahre irgendwo die Ergiebigkeit der Wirtschaft erhöht worden wäre. Dagegen führten die Sozialisierungsmaßnahmen in vielen Fällen zu unverkennbaren Behinderungen der Produktion, zum Rückgang der Erträge und zu folgenschweren finanziellen Verlusten.“

Gawronski glaubt nicht an den „Zauber der Statistik“, dem unser Jahrhundert verfallen ist; er, ein führender Gewerkschaftler, hat erfahren, daß jede dirigierte Wirtschaft zu Eingriffen führt, die einander widersprechen, durchkreuzen oder überhaupt aufheben. Er hat den „Dirigismus“ hassen gelernt und meint, daß Hand in Hand mit der gelenkten Wirtschaft die ethische Verwüstung im Menschen ginge. Schwarzer Markt und Korruption gehören, wie er sagt, zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen der gelenkten Wirtschaft. „Gauner gibt es unter jedem Wirtschaftssystem, aber der Dirigismus macht auch anständige Menschen zu Gaunern und Rechtsbrechern. Gegenüber dem Staat, der seine Bürger mit Geboten und Verboten zickt und zwackt und sie mit Formularen und Verfügungen überflutet, geraten auch die Bravsten und Besten allmählich in Abwehr. Immer seltener kommt es vor, daß der freie Mann selbst zum Rechten sieht; mag doch die Behörde, die einen mit Steuern und Vorschriften plagt, selber für Abhilfe sorgen! Das ist aber der geistige Boden, auf dem die Demokratie dahinsiecht und Diktaturgelüste gedeihen. Nach alldem kommt Gawronski zu dem Schluß, daß auch der Arbeiter sich den Befehlen der Leiter eines sozialisierten Betriebes in weit höherem Maße unterordnen müsse als in der freien Wirtschaft.

„Bürokratie?“ fragt der Gewerkschaftler und erwidert: „Eine selbstverständliche, unvermeidliche Folge des gelenkten Wirtschaftssystems!“ Er weist darauf hin, daß diejenigen Länder, die sich sofort oder bald nach Beendigung des Krieges der freien Marktwirtschaft bedient haben, schnell die Schäden des Krieges überwunden haben – selbst wenn sie, wie Belgien, vom Kriege schwer heimgesucht waren –, und daß andere. Länder, die von vornherein das System der gelenkten Wirtschaft und umfangreiche Sozialisierungen einführten, noch heute wirtschaftlich schwer darnieder liegen. Er findet schließlich eine Schlußfolgerung, die um so eindringlicher wirkt, als hier ein Gewerkschaftler spricht: „Keiner, dem die Macht weder Partei- noch Selbstzweck ist, kann heute länger auf die Karte der Verstaatlichung oder Kollektivierung setzen. Er wird sich lieber den organischen Lösungen zuwenden, die den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt durch freie Leistung und sinnvolles Zusammenwirken gleichberechtigter Glieder der Gesellschaft verwirklichen wollen, im Geiste mancher früheren Sozialisten, denen es um die Freiheit und nicht um die Staatsgewalt, um den Menschen und nicht um Planziffern ging.“ M. Langner