Am 16. Dezember 1950 hatte Präsident Truman gleichzeitig mit der Erklärung des „Nationalen Notstandes“ die sofortige Einrichtung eines „Amtes für die Mobilisierung der Verteidigung“ – Office of Defense Mobilisation (ODM) – angeordnet. Alle Fragen der Beschaffung von Rohstoffen, der Produktion, des Arbeitereinsatzes, des Transportwesens und der wirtschaftlichen Stabilisierung sollten ihm unterstellt werden. Als Leiter für dieses wichtigste Bundesamt hatte Truman den Präsidenten der „General Electric“ Charles Edward Wilson vorgesehen. „Electric Charley“ – so wird er zum Unterschied von „Engine Charley“, seinem Namensvetter und Präsidenten der General Motors Charles Erwin Wilson genannt. Den Regierungskreisen in Washington war er kein Unbekannter. Roosevelt hatte ihn, obwohl er Republikaner war, im Jahre 1942 als Vice-Präsidenten in das Kriegsproduktionsamt berufen. Damals hatte Wilson erklärt: „Ich habe vierzig Jahre gebraucht, um mich zum Präsidenten der General Electric hochzuarbeiten und nur vierzig Sekunden, um diesen Posten zu verlassen. Aber der Teufel war los und ich mußte dagegen etwas tun.“ Im Dezember 1944 schied er, von den in Washington herrschenden Intrigen abgestoßen, aus seinem Amt, um erneut die Führung der General Electric zu übernehmen.

Die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des ihm von Präsident Truman angebotenen Postens traf Wilson jedoch, eingedenk seiner in Washington gesammelten Erfahrungen, nicht wieder in vierzig Sekunden. Er stellte zwei Bedingungen. Erstens: das neue Amt erhält nur einen Leiter, ohne einen gleichrangigen Stellvertreter und zweitens: das ODM wird eine Immediatbehörde, die direkt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten unterstellt ist. Truman nahm diese Bedingungen an, und so wurde „Electric Charley“ der „Wirtschafts-Zar“ Amerikas, mit größeren Vollmachten, als sie James E. Byrnes in meiner Eigenschaft als Leiter des Amtes für Kriegsmobilisierung während des zweiten Weltkrieges je besessen hatte.

„Ich bekenne, daß ich ein unheilbarer, aber realistischer Optimist hinsichtlich der Stärke Amerikas und seiner Produktionsfähigkeit bin.“ Das ist die Grundeinstellung, mit der der „Wirtschafts-Zar“ an seine Aufgaben heranging. Zunächst schaffte er gründlich Ordnung in den verschiedenen Behörden, die sich bisher mit Fragen der wirtschaftlichen Mobilisierung befaßt hatten. Sie alle wurden ihm unterstellt und teilweise mit neuen Männern besetzt. Diese Reorganisation stieß auf Widerstand, insbesondere bei den Führern der Gewerkschaften, die sich übergangen und zurückgesetzt fühlten. Ihre Opposition ging schließlich so weit, daß sie ihre Vertreter aus allen Dienststellen des ODM zurückzogen.

Wilson ließ sich dadurch nicht einschüchtern. Er erklärte: „Meine Tür steht einem Gewerkschaftsführer weit offen. Es ist nur eine einzige Einschränkung vorhanden, die gleiche, die bei meinen anderen Mitarbeitern und mir selbst gemacht wird, daß nämlich ein Mann, der durch diese Tür schreitet, sich einen Regierungshut aufsetzen muß mit all den Verpflichtungen, die hiermit verbunden sind. Ich fordere nicht, daß der Gewerkschaftsvertreter sein Amt in der Gewerkschaft niederlegt, aber ich verlange, daß er dem ganzen Volke dient.“

Nun gingen seine Gegner zur Offensive über. Sie behaupteten, die gesamte wirtschaftliche Mobilisierung werde von einer Verschwörergruppe des big business beherrscht. Dieser Vorwurf ließ Wilson kühl. „Was mich betrifft“, erklärte er, „so komme ich aus dem big business und ich bin stolz darauf!“ Hierzu hat er auch allen Grund. 1898 mußte der zwölfjährige Charles nach dem Tode seines Vaters die Schule verlassen, um für seine Mutter und sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Er erhielt einen job als Laufbursche bei der Sprague Electric Company aus der sich später die General Electric entwickelte. Jahrelang besuchte er Abendschulen, um sich technische und kaufmännische Kenntnisse zu verschaffen. Auf der langen Leiter mühsam erarbeiteter Erfolge hatte er nach vierzigjähriger Tätigkeit die höchste Sprosse erreicht: 1939 wurde er zum Präsidenten der General. Electric gewählt. Wilson kennt also die Sorgen und Nöte des „kleinen Mannes“ ebenso wie die schlaflosen Nächte eines Direktors, der die Verantwortung für die Führung eines der größten Industriekonzerne in den USA trägt.

Vier Monate nach seiner Amtsübernahme konnte er sagen: „Wir sind schon auf gutem Wege. Seit dem 1. Januar werden wöchentlich Aufträge für Kriegsmaterial in Höhe von einer Milliarde Dollar vergeben. Ende 1951 werden diese Aufträge ausgeführt sein. 1952 wird ein Jahr sein, in dem die Bestände an Kriegsmaterial ständig vermehrt werden. Ende 1953 werden wir in der Lage sein, allen Anforderungen eines totalen Krieges gerecht zu werden. Wenn dann ein Angreifer die Absicht hat, sich mit uns einzulassen, dann muß er schon wahnsinnig sein!“

Wilsons größte Sorge ist die Inflation. „Sie ist ein Feind, der unsere Panzer, unsere Kanonen, unsere Flugzeuge ebenso erbarmungslos vernichten kann wie irgendeine chinesische oder nordkoreanische Armee ... Bei jeden zehn Milliarden Dollar, die der Kongreß für die Aufrüstung bewilligt hat, haben wir zwei Milliarden durch die Inflation der Preise, das heißt also 20 v. H. verloren.“ Der Kampf gegen die Inflation kann nach seiner Ansicht nur durch die persönliche Haltung des einzelnen Bürgers gewonnen werden, der entscheiden muß, „ob die Nation im höchsten Sinne patriotisch oder engstirnig selbstsüchtig sein will.“ „Die vor uns liegende Aufgabe ist voller Fallstricke. Sie fordert Einschränkungen und Opfer, Mühe und Schweiß, um Blut und Tränen abzuwenden.“ Mit diesen mahnenden Worten beschloß der „unheilbare Optimist“ Charles E. Wilson seine Rede vor der Vereinigung der amerikanischen Zeitungsverleger, ehe er nach Europa reiste, um sich an Ort und Stelle über die Möglichkeiten einer Beschleunigung der westeuropäischen Aufrüstung zu informieren. In Paris und London hörte er viele Klagen über die Folgen, die seine Politik der Hortung kriegswichtiger Rohstoffe in den USA auf die Kriegsindustrie Westeuropas habe. Er ließ sich durch die vorgebrachten Argumente überzeugen und erklärte, daß „eine Revision der Rohstoff-Zuteilung erfolgen werde“.

Wenn die westliche Weit in zwei Jahren dank der Durchführung des Mobilisierungsprogrammes der Vereinigten Staaten in einer größeren Sicherheit leben kann, so wird sie dies nicht zuletzt der Tatkraft, der Energie und dem Können von Charles Edward Wilson verdanken, der zu dem Typ jener Männer gehört, die den USA die Weltführung auf dem Gebiet der industriellen Technik erkämpft haben. Ernst Krüger