Fazit einer gesamtdeutschen Kirchenmusikschul-Tagung

Man hat in den letzten Jahren viel von einer Erneuerung der Kirchenmusik gesprochen. Und man hat guten Grund dazu. Begonnen hat sie in den zwanziger Jahren mit einer Schütz-Renaissance. Dabei wurde die ganze Kirchenmusik von Johann Walter, Prätorius, Schein, Scheidt und Buxtehude miteinbezogen. Es ist das bleibende Verdienst der Singbewegung und der Orgelbewegung, den Geist der protestantischen Frühe des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts in stilgetreuer Aufführungspraxis für die Gegenwart verlebendigt zu haben. Aber das alles könnte als bloße museale Restauration erscheinen, wenn nicht, hier und bei der noch sehr viel älteren Gregorianik anknüpfend, die junge Komponistengeneration sich mit einer Leidenschaft ohnegleichen zugleich um eine gegenwartseigene musikalische Aussage bemühte, die in der Sprache der Zeit nicht vor den Toren der Kirche, sondern in der Liturgie singen und spielen will, um das Geheimnis der Offenbarung zu verherrlichen. Denn nur in der gegenseitigen Spannung bleibt das Alte lebendig und wird das Neue verständlich. In diesem Sinne etwa ist das Werk Hugo Distlers, Ernst Peppings, Sigfrid Redas und des jungen Johannes Drießler zu verstehen. In welcher Intensität aber auch die außerkirchliche Musik an die Kirchenpforte klopft, zeigt nicht zuletzt die Messe Stravinskis. Wenn man heute wieder von Hoffnung für die Kirche zu sprechen wagt, dann muß der Kirchenmusik an erster Stelle gedacht werden.

Vor allem aber ist nach 1945 in aller Stille die Kirchenmusikschulbewegung in Gang gekommen. Neben einer Reihe älterer Kirchenmusikschulen und Kirchenmusikabteilungen an den Staatlichen Hochschulen für Musik sind eine große Anzahl neuer Kirchenmusikschulen entstanden, so daß heute fast jede Landeskirche ihr eigenes kirchenmusikalisches Institut besitzt, an dessen Spitze oder in dessen Lehrkörper namhafte Komponisten, Chorleiter oder Organisten wirken. Hier wird der Kirchenmusiker als Kantor und Organist in mehrjährigem Studium auf sein Amt vorbereitet

Zur Abstimmung der gemeinsamen Aufgaben hatte kürzlich der Direktor der Kirchenmusikschule in Hessen Walter Blankenburg zum zweiten Treffen der Leiter aller west- und ostdeutschen Kirchenmusikschulen und Kirchenmusikabteilungen der Hochschulen nach Schlüchtern eingeladen. Hier wurden zunächst ganz nüchtern Aufgabengebiete der Ausbildung in den künstlerischen und theoretischen Fächern erörtert. Durch alle fachlichen Beratungen schwang ein ungewöhnliches seelsorgerisches Verantwortungsgefühl, und es wurde deutlich, daß die Kirchenmusik heute keine isolierte Angelegenheit der Kunst mehr ist, sondern ein nicht mehr zu überhörenden Beitrag zur Gemeindeerneuerung. Diese Wandlung der inneren Voraussetzungen der Kirchenmusik reitigte eine so starke Einheitlichkeit geistlicher und geistiger Prägung des Kirchenmusikers, daß sie in Zukunft nicht ohne Wirkung auch auf die Kirche bleiben kann.

Vor allem muß dankbar der Mitarbeit gerade der Kirchenmusiker der Ostzone gedacht werden, die nicht schöner zum Ausdruck gebracht werden, konnte, als in den Worten: „Wir sind dankbar, daß wir gerade unter der Anfechtung und Not täglich lernen dürfen, Christus lieber zu haben als die Musik.“ Daß damit nichts gegen, sondern alles für die Musik ausgesagt wurde, liegt für den auf der Hand, der um die inneren Gesetze allen geistlichen Musizierens weiß.

Karl Ferdinand Müller