Seit eine amerikanische Reklamefirma einen jährlichen Preis von tausend Mark für die junge deutsche Literatur ausgesetzt hat, haben die Tagungen der „Gruppe 47“ immer mehr Zulauf bekommen. So ist es letzthin geschehen, daß von den alten „Siebenundvierzigern“ nur ganz wenige gelesen haben, dafür aber über zwanzig „neue“ Autoren. Die Technik einer solchen Tagung besteht darin, jeden, der etwas zu lesen hat, lesen zu lassen und nachher darüber zu sprechen. Diese Art der Kenntnisnahme könnte große Wirkungen erzielen, wenn Leute, die viel zu sagen haben, zu Leuten reden, die wirklich zum Hören gekommen sind. Das Zwiegespräch des Dichters mit seinem Publikum könnte für beide fruchtbar werden. Aber auf dieser letzten Tagung in Bad Dürkheim wurde eigentlich nicht viel „gesagt“. Und darum war auch das Hören bleiern und schwer, und es schmerzte, zu sehen, wie müde die ganze Gesellschaft war.

Immer wenn etwas gelesen war, tauchte ein Name auf oder eine Reihe von Namen: die Patenliste: Kafka, Greene, Lörke, Benn, Alfred Döblin, die Dadaisten ... Immer auch wurden Proteste gegen solche Rubrizierung laut, aber ebenso regelmäßig erschien sie von neuem. Als Ilse Aichinger eine symbolische Geschichte von dem „Gefesselten“ las, dem Manne, der sich so an seine Fesseln gewöhnte, daß er darin seine wirkliche Freiheit fand und der in Sklaverei verfiel, als man seine Fesseln löste, da versprach sich der Lektor ihres eigenen Verlages, indem er sie schützen wollte, und begann: „Ich glaube, man tut Fräulein Kaf ... äh Aichinger Unrecht.“

Wolfgang Weyrauch las eine Geschichte, von der die Kritik befand, sie wäre: a) ausgezeichnete Prosa, b) Unfug, c) zu artistisch, d) auf literarische Leerflaschen gezogener Dünnpfiff, e) ein Experiment bis dorthin, wo der Autor sich künstlerisch kreuzigt, f) leer und schematisch. Der Autor dankte verwirrt. Nun wußte er gar nichts. Der Holländer Aar van de Werfhorst verteidigte sich gegen das Lob, daß er so breit und genrehaft male und daß es so schön ruhig in seinem Roman herginge, indem er sagte, er habe auch einen Roman geschrieben, „in dem sieben Tote gefunden“ würden – als sei die Anzahl der Toten und ihr möglichst grausiges Ende ein Kriterium für den Wert der heutigen Literatur. Und seine Erklärung wurde statt mit Gelächter mit feierlichem Ernst aufgenommen.

Derselbe Wolf gang Bächler, der wieder Verse brachte, wie „Gestern hab ich den Mond vom Himmel gepflückt / Und über die Apfel gelegt...“, las auch lyrische Zeitungsartikel, in denen der Fall von Seoul und die Gewerkschaftszeitung, das Bild von Brigitte, das von der Wand fiel, Abschiedsschmerz und Metallarbeiter vorkamen. Hierzu äußerte ein Kritiker: „Ich will, wenn ich Lyrik höre, gereimte Strophen haben. Freie Verse kann ich seit Arno Holz nicht mehr hören.“ Ebensowenig kann Bächler damit etwas anfangen, wenn einer sagte, er dichte auf der Linie des geringsten Widerstandes, oder wenn ein anderer von der Faszination des Dichters durch weißes Papier sprach. Immer war es so, daß der Kritiker sich gerne selber reden hörte, daß er für sich sprach und sich produzierte, und mancher übernahm selbst die Rolle des Clowns, nur um der Wirkung willen.

Aber das ist natürlich nicht neu. Man denke nun daran, was Jean de la Bruyere im Jahre 1688 vom Urteil der Menschen sagte: „Sie setzen an die Stelle dessen, was man ihnen sagt oder vorliest, das, was sie selbst über denselben Gegenstand denken oder schreiben würden, und sind so erfüllt von ihren eigenen Ideen, daß gar kein Raum für die anderen bleibt.“ Und weil das so ist, hat zuletzt bei der Verteilung des Preises ganz offensichtlich nur das Gefühl gesprochen; das Gefühl, daß an der Geschichte, die Heinrich Böll – kleiner Kommunalangestellter im Rheinland, verheiratet, drei Kinder, eins von jenen Talenten, die plötzlich da sind –, daß an der Geschichte also, die dieser Böll las, etwas dran war, ein neuer Ton, die Trauer des kleinen Mannes, der eigentlich Künstler ist und der sich im Alltag verplempert, durch die Brille der Güte gesehen. Da war der Humor, der so fehlt. Und wenn man an das unerforschliche Walten des Zufalls glaubt, dann hat der richtige Mann diesen Preis bekommen.

Damit ist aber auch der Wert einer solchen Tagung festgestellt, der darin besteht, daß man trommelt: Es gibt noch Dichter, ihr Leute! Denkt an die Dichter! Und an die, die es werden wollen! Heinz Ulrich