Von Carl Georg Heise

Glänzend sind in Hannover die Vorbedingungen für eine repräsentative Ausstellung deutscher Skulptur der Gegenwart: die weiten Grünflächen der Gartenschau bieten verlockendste Möglichkeiten zu wirkungsvoller Aufstellung von Großplastik in freier Natur, und in der Kestner-Gesellschaft wirkt Alfred Hentzen, der wohl beste Kenner des Stoffgebietes. Das Erreichte übertrifft noch die Erwartungen. Die monumentalen Formate, nur fünfunddreißig an der Zahl, sind über das ganze Gelände verteilt und müssen einzeln aufgesucht werden; die mittleren und kleinen sind in den Räumen der Kestner-Gesellschaft dicht, doch anmutig und abwechslungsreich auf Postamenten und in eleganten Vitrinen gereiht. Das Ganze hat etwas Beglückendes; selbst skeptische Beurteiler der Gegenwartskunst werden sich dem Eindruck nicht zu entziehen vermögen, daß hier ein künstlerischer Reichtum vor uns ausgebreitet ist, der nicht einseitig richtungsbedingt, sondern vielfältig lebendig, auf uns einwirkt. Kunst als schöpferische Lebensmacht, oft zu Unrecht als heute noch möglich geleugnet, wird hier zum überzeugenden Ereignis.

Die Auswahl zielt auf eine gewisse Vollständigkeit, natürlich nicht im wörtlichen Sinne, aber doch so, daß das Ältere (beginnend mit Kolbe, Scheibe und Albiker), das Wohlbekannte und das heraufdrängende Neue sich die Waage halten, geeint durch ein Qualitätsgefühl, das nur langjährige Erfahrung und ein unbestechliches Auge gewährleisten.

Aufstellung im Freien ist für jedes Bildwerk eine Bewährungsprobe; aber auch an die ordnende Hand werden hohe Anforderungen gestellt. Überzeugend erfüllt sind alle Vorbedingungen bei der großen „Maja“ von Gerhard Marcks, die gleich den Eintretenden am Rande einer großen Grünfläche grüßt. Nachdrücklich vermag sie es uns zum Bewußtsein zu bringen, wie sehr nach Barlachs, Maillols und Despiaus Tode dieser Künstler an die erste Stelle in Europa gerückt ist. Sie hat die schlichte Größe eines echten Standbildes, vorzüglich „gebaut“, streng und doch nicht, wie so manche Arbeiten der Jüngeren, gefühlsarm, sondern im ganzen und im einzelnen von seelischem Erleben durchwaltet. Eine Überraschung ist die Badende von Kurt Lehmann, der seit der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Köln die in ihn gesetzten Erwartungen noch übertroffen hat. Die Aufstellung unter einem Baum in der Nähe eines Wasserbeckens ist gewagt, aber reizvoll, wie überhaupt das Aufspüren geeigneter Plätze für die Figuren hohe Anerkennung verdient: Tierplastik auf Steinrampen, einansichtige Figuren vor gekalkten Mauern oder grünen Hecken, nur in seltensten Fällen zentral fixiert, meist in asymmetrischem Spannungsverhältnis zur Umgebung. Nur eine gelegentlich allzu malerische Einbettung in die Vegetation wird den skulpturalen Werten gefährlich: ein prachtvoller Frauenakt von Ludwig Kasper kann sich im Dickicht des Tropenhauses nur schwer behaupten, und die Tierfiguren auf fieiem Rasengelände geraten, namentlich bei überlebensgroßem Maßstab, in die Gefahr, als weidendes Zwergvieh mißverstanden zu werden. In solcher Lage ist das Zeburind des verstorbenen Fritz Wrampe, eines der besten Werke deutscher Tierplastik, während der Tiger von Philipp Harth auf freiem Platz seine monumentale Größe eindrucksvoll entfalten kann. Lieblinge des Publikums sind Szekessys „Knabe mit Taube“ (Leihgabe des Düsseldorfer Museums) und das Fohlen von Renée Sintenis (die Kinder der Ausstellungsbesucher reiten darauf!). Überzeugend tritt die Leistung der Münchener Schule hervor, mit Toni Stadler als ihrem meisterlichen Anreger, dessen Hund – antikem Maß sich nähernd – des Ergebnis jahrelanger Arbeit ist. Anton Hillers männlicher Akt ist von kultbildhafter Strenge.

Auch bei der Ausstellung der kleineren Bildwerke in der Kestner-Gesellschaft fühlt man sich auf Grund der Erfahrungen in der Gartenschau veranlaßt, nach dem geeigneten Standort zu fragen. Werke der Plastik gelten deswegen als schwer verkäuflich, weil sie angeblich nur schwer in unsere häusliche Umgebung einzuordnen sind. Das erweist sich bei genauer Überlegung durchaus als Irrtum. So zauberhaft anmutige Arbeiten der Kleinplastik wie Priska von Martins Mädchengestalten, Szekessys flötender Knabe, Harths schwimmender Schwan oder die für die Oper in Hannover geschaffenen Figürchen von Lehmann – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – verstehen es, jedem, selbst dem kleinsten Wohnraum, einen belebenden künstlerischen Akzent zu geben. Da die Plastik bei uns heute die führende Kunstgattung geworden ist – die Ausstellung macht das mit der Fülle der Begabungen auf das Eindrucksvollste deutlich –, sollte auch der private Sammeleifer stärker als bisher in diese Richtung gelenkt werden. Gerade an dieser Stelle läßt sich besonders gut die künstlerische Entwicklung unserer Tage ablesen.

Wohin führt der Weg? Zweifellos zu immer stärkerer Abstraktion, genau wie beider Malerei: vom Abbild zum Sinnbild. Und doch ist auf dem Gebiet der Skulptur ein gewichtiger Unterschied zu verzeichnen. Die völlig gegenstandsfreien Gebilde, wie sie etwa die Drahtplastik von Hans Uhlmann (geb. 1900) auf der Gartenschau beispielhaft vergegenwärtigt, verlassen weitgehend den Bereich des Plastischen im eigentlichen-Sinne und nähern sich den Wirkungen der Graphik – kein Wunder, daß gerade dieser Berliner Künstler ein Meister spannungsreicher Schwarz-Weiß-Kunst ist, während seine skulpturalen Versuche kaum noch als solche zu bezeichnen sind und über den Eindruck des Dekorativ-Spielerischen nicht hinauswachsen. Bleibt aber bei den Künstlern der jüngeren Generation ein Bemühen um vollrunde Plastik bestehen, so bleibt auch ein Bezug auf Körperlichkeit, auf Erfahrung aus der Anschauung, ja diese asketisch vereinfachten Bildwerke können, allen Zufallscharakters entkleidet, in reinerem, absolutem Sinne von den ewigen Gesetzen plastischen Gestaltens überzeugen als das die naturnäheren, namentlich diejenigen mit lyrisch-romantischem Einschlag, jemals zu tun vermochten. Das bedeutet kein Werturteil, nur eine Charakterisierung der Gattung. Künstler wie Ewald Mataré, Karl Hartung und Bernhard Heiliger, die wohl als die bedeutendsten Exponenten dieser Richtung angesprochen werden dürfen, verstehen es, Wuchs, Volumen und Rhythmus ihrer Figuren nicht nur anzudeuten, sondern leibhaft zu versinnlichen. Man kann sie daher nicht als „abstrakt“ bezeichnen im Sinne der gegenstandslosen Malerei, und nen sich eine Regeneration der Kunst unserer Tage wünscht, der wird sie von der Plastik erhoffen dürfen, und zwar gerade von derjenigen, die dem Laien zunächst als befremdlich erscheint. Sie führt zurück zur Besinnung auf das Wesentliche, sie hat jene karge Größe, jene archaische Strenge, die seit je die Voraussetzung für eine neue Blüte gewesen ist.