/ Von Martha Maria Gehrke

London, Anfang Juni

Als der englische König das Festival eröffnete, schien zum erstenmal seit Wochen weder die Sonne. Nun strömen die Besucher in einem Tagesdurchschnitt von 35 000 bis 45 000, obwohl dies der kälteste Londoner Mai seit 35 Jahren war. Eigentlich sind die Londoner überrascht, daß das gigantische Unternehmen der South Bank Exhibition wirklich rechtzeitig fertig geworden ist. Jetzt, wo die äußerlich etwas wirr anmutenden Pavillons geöffnet sind, stellt sich heraus, daß die innere Planung bewundernswert ist: Es fehlt fast ganz der belehrende Zeigefinger die erklärenden Begleitschriften sind so knapp wie möglich, und das Optische, die farbige und plastische Darstellung, überwiegt bei weitem. Um ein paar Beispiele zu nennen: Die geologische Entstehung der Insel im Pavillon Land of Britain wird durch ständig abrollende kurze Farbfilme dargestellt, oder die Wirkung chemischer Färbestoffe durch elektrisch bewegte und aufleuchtende Molekularsysteme. Der Dome of Discovery ist Beschäftigung für einen ganzen Tag; von Newton bis Captain Scott und den Nobelpreisträgern ist nichts vergessen, was die britische Wissenschaft der Welt geschenkt hat. Aber der Festrubel kostet die Londoner soviel Elektrizität, daß sie eine neue Stromkürzung aufgehalst bekommen haben. Das meiste geht bei der abendlichen Festbeleuchtung drauf. Aber das Themseufer mit dem Parlament, Big Ben, die Ausstellungspavillons, die Springbrunnen und der Fluß sehen in der Beleuchtung anders, fast unenglisch aus. Aber die Kälte, der Wind und auch das Publikum, das stoisch in einem Dutzend von Ausstellungsrestaurants sitzt und im Freien Eis ißt, ist englisch. Kälte, Wind und Eis gehören bekanntlich zu den hiesigen Begriffen von Gemütlichkeit.

Eine großartige Akustik hat das viel umstrittene neue Konzertgebäude, die Royal Festival Hall. Aber Sir Thomas Beecham hat sie laut grollend für das häßlichste Gebäude erklärt, das seit 350 Jahren auf englischem Boden errichtet worden sei, und dem neuen Haus seinen Taktstock verweigert – wenigstens während der Dauer des Festival. Böse Zungen behaupten, daß die Wahl Toscaninis als Dirigenten des Eröffnungskonzertes der Grund für die herbe Kritik der Architektur sei ...

Die eleganten Warenhäuser haben ihren Angestelltenstab um sprachkundige Kräfte vermehrt, und die Liebenswürdigkeit der Verkäufer soll sich nach Ansicht der Einheimischen erheblich und angenehm von der Normalpraxis unterscheiden. Die goldene Hoffnung, daß Geld ins Land kommt, wird hauptsächlich auf die USA und Südamerika gesetzt. Aber morgens, gegen 11 Uhr, findet man in einem großen Londoner Geschäft zwar hundert. Verkäuferinnen und jedoch nur zwanzig Kunden. Allerdings erklärte der spanische Dolmetscher des Geschäftes, daß tags zuvor ein einziger Argentinier für 1500 £ Ware eingekauft habe...

Eine Architektur-Ausstellung findet in dem zerstörten Vorort Poplar statt. Es sind wenige kleine Pavillons, in denen vor allen Dingen die Zukunftsplanung im Gegensatz zur negativen baulichen Vergangenheit zu sehen ist. Mit anderen Worten: Aus dem Unglück der „Blitz“-Zerstörung soll eine Loslösung von allen Fehlern des früheren planlosen Großstadtbauens erfolgen. Die theoretisch längst als richtig erkannte Auflockerung in Arbeits-, Wohn-, Verwaltungs-, Einkaufs-, Vergnügungszentren soll hier in einem ersten praktischen Beispiel durchgeführt werden. Noch ist es viel Zukunftsmusik. Aber die Pläne sind gut durchdacht, und die ersten Häuserreihen stehen bereits auf der plattgewalzten Fläche. Neben dem traditionellen Einfamilienhaus gibt es moderne Etagenhäuser, die indes nur zwei Stockwerke hoch gehalten sind. Die Einfamilienhäuser sind sogenannte County-Council-Häuser, das heißt, sie gehören der Gemeindeverwaltung und werden durch sie an die auf der Liste stehenden Wohnungsuchenden zu dem außerordentlich billigen Preis von 30 Schilling die Woche (monatlich 6 Pfund^ = 72 DM) vermietet. Sie enthalten Küche und Wohnzimmer, im oberen Stockwerk drei Schlafzimmer und Kachelbad. Die Zimmer sind sehr klein, das Töchterdoppelschlafzimmer ist beispielsweise kaum neun Quadratmeter groß...

Der Qualitätssinn hat sich vorzüglich des Baumaterials bemächtigt. An graphischen Darstellungen und an plastischen Modellen wird die Einwirkung von Regen und Kälte auf schlechtes Material gezeigt. Aber es werden in diesen Bauten nach wie vor offene Feuerplätze standhaft als einzige Heizmöglichkeit geboten. Natürlich wäre Zentralheizung für diesen – wie wir sagen würden – sozialen Wohnungsbau zu teuer; außerdem gilt sie als ungesund. Öfen sind wenig bekannt und beliebt. In dieser Hinsicht wird die Tradition siegreich das – nächste Jahrtausend überstehen. Der verweichlichte Continental greift zur Wärmflasche und zieht sich ins Bett zurück ...