Die Papiertapete ist als modernes Kulturerzeugnis jedermann vertraut und erscheint den meisten als etwas Selbstverständliches. Dabei stammt sie in ihrer heutigen Erscheinungsform ers: aus dem 18. Jahrhundert. Als künstlerisches Phinomen wird sie wenig oder überhaupt nicht erörtert. Eine merkwürdige Tatsache, da uns die Tapete von der Geburt bis zum Tode begleitet, da sie uns jederzeit vor Augen steht.

Eine Ausstellung im Städtischen Museum in Osnabrück „Alte und neue Tapeten“ macht dieses so vernachlässigte Gebiet zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Sie gibt einen Überblick über die Leistungen der neuen Bildtapetenfabrikation und stellt die modernen Erzeugnisse neben die der Blütezeit von 1800 bis 1850. Zunächst überrascht die Formensprache der neuen Tapeten, die konservativ auf das 18. und 19. Jahrhundert zurückgeht. Motivisch wirkt besonders das Rokokozeitalter nach: Liebesszenen, Chinoiserien, Jagd- und Fischereidarstellungen, der Jahresrhythmus in ländlichen Szenen. Daneben erscheinen figürliche Muster der Textilkünste des Mittelalters und der Volkskunst in Neuformungen. Moderne Lösungen werden auf dem Gebiet der Kindertapete gefunden, wo man versucht, dem kindlichen Spiel, überhaupt der Kinderseele entgegenzukommen. Hier bieten die Firmen Rasch in Bramsche und Schäfer in Kirchheim amüsante Beispiele; die eine in einer komplexen Formensprache, die der Volkskunst nahekommt (Entwürfe von Werner und Ilsebill Kleinschmidt), die andere in impressionistischer Manier nach Vorlage des Tapetenateliers Wegener in Einbeck, Moderner Geist spricht aus den Figurintapeten der Firma Rasch, für die Tea Ernst in eigenwilliger Weise Vorwürfe aus dem Robinson Crusoe, aus der Zauberflöte, aus Der Widerspenstigen Zähmung, aus Romeo und Julia, aus dem Rosenkavalier, flächig, linear den Gesetzen der Wand folgend, in pastosen Farben und in rhythmischer Bewegung gestaltete. Sie hat auch den Mut gehabt, Schrift und Bild in ihren Tapetenvorwürfen zu verbinden, ebenfalls in durchaus moderner Weise. Ihre Bilderschrift ist kalligraphisch und elegant. Bei aller Stilisierung wird das menschliche Erscheinungsbild nicht aufgegeben. Hier ist ein Weg beschritten worden, den die französische und amerikanische Produktion, jede in ihrer Art, schon lange eingeschlagen haben. Neuzeitliches Sehen formte auch die interessante Vogeltapete der Rheinischen Tapetenfabrik Beuel von Heinz Trökes. Hier sind Vögel in fast kindlicher Unbekümmertheit in immer neuen Stellungen auf unregelmäßigen Feldern dargestellt.

Die großartigen Bilderfolgen der Pariser, Riheimer, Schweinfurter Manufakturen aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts mit Motiven wie: Arkadien (nach den Idyllen von Salomon Gessner), Amor und Psyche (nach dem Märchen von Apulejus), Paul und Virginie (nach der Erzählung von Bernardin de Saint Pierre), des Fest des Königs in den Champs Elysées, die Bärenhatz, die Große Jagd, Schweizer Älplerleben, Isolabella und Eldorado – durchweg von der Hand bedeutender Künstler wie Lafitte, Blondel, Boilly, Deltil, Duruy, Mongin, Fuchs, Ehrmann und Zipelius haben in den Grezacher Salubra-Erzeugnissen ihre Nachfolge gefunden. Diese Fabrik hat große Bildserien der Baseler Künstler Weber und Haefliger im Handdruck herausgegeben. Griechenland, Venedig, und die Weltkarte sind Themen dieser Tapeten. Kostbare Arbeiten, aus denen unsere Zeit spricht. Walter Borchers