Der Einsame in Warnemünde

Der Kunstverein Hamburg zeigt in der Kunsthalle eine Ausstellung der bedeutendsten Gemälde von Edvard Munch, die sich noch im deutschen Besitz befinden oder nach dem Kriege neu erworben wurden, vermehrt um Leihgaben aus der Schweiz.

Im Jahre 1908 bewohnte ich in Warnemünde ein kleines Hotel, dessen Restaurant als Nachtlokal viel besucht wurde, aber bei Tage fast keinen Verkehr hatte. Als ich eines Nachmittags meinen. Fensterplatz einnahm, begrüßte mich der als Ventriloquist und Zauberkünstler bekannte Wirt, und auf einen ganz hinten in einer dunklen Ecke sitzenden Herrn weisend, sagte er: „Darf ich die Herren als Kollegen bekannt machen? – Maler Munch, Maler H.“ Munch erhob sich, arbeitete sich durch die Reihen der Tische hindurch und machte eine höfliche Verbeugung. Wir standen uns zuerst etwas verwirrt stumm gegenüber. Dann setzte sich Munch zu mir, und als ich nun erst verstand, mit wem ich es zu tun hatte, sprach ich über seine Bilder, besonders über eins, auf dem die Sonne dunkel in heller Umstrahlung gemalt war. Munch freute sich, daß das bemerkt worden sei.

Da ich nun täglich in diesem Lokal war, und Münch sich fast regelmäßig zwischen 15 und 16 Uhr dort einfand, so verbrachten wir manchen Nachmittag und Abend zusammen. Munchs Sturm- und Drangzeit lag damals längst hinter ihm. Er hatte frühere kleine Absonderlichkeiten abgelegt; man sah ihn nie mehr im Zylinder, geschweige denn in einem gegen den Strich gebürsteten, man sah ihn nie mehr mit einer Aspasia, sah ihn niemals tanzen, er war nicht mehr ohne Geld, sondern hatte dies, mit Goldstücken reichlich durchsetzt, stets lose in der Hosentasche. Er brauchte auch noch nicht, wie in späteren Jahren, Augengläser, und benutzte noch nicht seinen

sagenhaften, von Fingerabdrücken fast undurchsichtigen Klemmer, an dem noch nach Jahr und Tag das grüne Preisschild gebaumelt haben soll.

Munch, der etwas gebrochen deutsch sprach, war damals vierundvierzig Jahre alt. Mit dem Leonardoprofil seines energischen Kopfes und in seinem blauen Anzug mit der siegelroten Krawatte würde er wohl einen flotten Eindruck gemacht haben, wenn nicht sein weltverlorener Blick, seine verschleierten Augen, sowie seine meist ungekämmten Haare eigentümlich davon abgestochen hätten. Er befand sich damals noch in seinen kranken Jahren und konnte trotz bereits eingetretener Besserung ohne alkoholische Beruhigungsmittel nicht auskommen. Das Wirtshausleben mit den endlosen in dämmriger Ecke verbrachten Stunden (wobei er nie etwas las) hat der Maler ergreifend in einem Selbstbildnis geschildert: ein ödes Lokal, er abseits zwischen leeren Tischen sitzend, die Arme matt herunterhängend, das Gesicht völlig apathisch, das eine Auge mit dem Ausdruck von Weltferne, das andere halb erloschen, vielleicht die Einäugigkeit seiner letzten zehn Jahre ahnungsvoll andeutend.

Sein Einsiedlerleben wurde eines Tages unterbrochen; es ging um eine Versicherungs-Angelegenheit. Munch saß mit einigen Spießern zusammen. Hinterher erzählte er mir, die Leute hätten ihn wohl nicht für ganz voll angesehen und das Geschäft mit Herrn Münch (wie er sich in norwegischer Aussprache stets nennen ließ) über seinen Kopf hinweg verhandelt, als ob er dabei gar nicht mitzureden hätte. Er habe sich das eine ganze Weile mitangehört, aber dann sei er aufgesprungen und habe die Leute angedonnert: „Wissen Sie, wer die dümmsten Menschen von der Welt sind? – Das seid ihr Mecklenburger!“ Dies sei zwar lediglich auf die Schlauberger am Tisch gemünzt gewesen, sei aber auch weiterhin gehört worden, so daß die Situation recht bedrohlich wurde. Da hätte er eingelenkt und so getan, als ob es sich nur um einen Scherz handelte. Mit den Menschen hätte er überhaupt meist Pech. Man hielte ihn etwa für einen eingebildeten Künstler, der zur Malerei nicht mehr Talent hätte als irgendein Kind. Infolge solcher vielleicht aufgeschnappten Ansichten passierte es tatsächlich, daß Kinder in seinen als Atelier benutzten Räumen hinten am Strom auf einigen seiner Bilder die Nasen und Augen rot, grün oder blau anstrichen. Höchst aufgeregt suchte Munch noch früher als sonst das Wirtshaus auf. Bis tief in die Nacht hinein saß er bei Whisky-Soda und Porter und sprach schließlich laut vor sich hin von den ,Gemälden‘ mit den roten und grünen Nasen.

Trotz aller Liebe für seine Bilder hatte Münch sie in einem unglaublichen Durcheinander auf dem Boden seines Ateliers liegen. Der Wirrwarr überbot alle Vorstellungen. Wer zu ihm kam, gelangte durch einen kleinen Vorraum, in dem links und rechts Kisten und Kasten bis zur Decke aufgestapelt lagen, in die Wohn- und zugleich Schlafstube, wo Pinsel, Keilrahmen, Kohle, Paletten, Leinewände, Zeichnungen, zertretene Tuben bis zu beträchtlicher Höhe chaotisch durcheinander den Fußboden bedeckten.

Der Einsame in Warnemünde

Als Munch mich eines Tages besuchte, sah er Rousseaus „Bekenntnisse“ liegen, die er schon längst gerne lesen wollte. Bei der Rückgabe des Buches sagte er mir, er habe ganz gegen seine Gewohnheit fünfunddreißig Seiten darin gelesen, während er sonst nach der Lektüre von ein bis zwei Seiten alles wisse, was für ihn in Betracht käme. Es sei die Kunst doch ein wunderbares Ding. Jener Nußbaum, von Rousseau beschrieben und vielleicht längst vom Erdboden beschrieben den, man sähe ihn deutlich vor sich und er würde so von ewiger Dauer sein.

Munchs Warnemünder Heim war von asketischer Einfachheit, ja Armut. Es zeigte seine völlige Bedürfnislosigkeit. Die billige stählerne Taschenuhr, die er hinterließ, und die an einem schwarzen Schnürsenkel hing, mag als Symbol dafür dienen, daß aller äußere Schein ihm nichts bedeutete. H. Hartmann-Drewitz