Um etwa 100 000 Deutsche ist ein Streit entbrannt. Es geht um die Angehörigen der Deutschen Dienst-Organisationen bei den Besatzungsmächten. Es sind Fahrer und Handwerker, Monteure, Pioniere und Wachen. Sie unterstehen nicht der deutschen Gerichtsbarkeit. Sie sind uniformiert, kaserniert und zum Teil bewaffnet. Was sollen diese Männer tun, wenn sie von den Alliierten Befehle erhalten, die gegen die deutschen Gesetze verstoßen? Was wird aus ihnen werden, wenn ein plötzlicher Überfall aus dem Osten erfolgen sollte?

Die Männer der Deutschen Dienst-Organisationen waren ursprünglich Kriegsgefangene. Sie wurden 1945 von den Alliierten für verschiedene Arbeitseinsätze übernommen. In den folgenden Jahren fand eine langsame Umwandlung in eine zivile Organisation statt. Die Angehörigen wurden aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und erhielten reguläre Verträge. In der amerikanischen Zone entstand eine Industrie-Polizei; in der britischen Zone die German Civilian Labour Organisation. Im vorigen Jahr aber, als der Koreakrieg ausbrach, machten die Einheiten eine neue Metamorphose durch. Grußpflicht und Uniformzwang wurden wieder eingeführt, der zivile Dienstbetrieb durch eine straffere Disziplin ersetzt. In der britischen Zone drückte sich das schon im Namen der Organisation aus. Das „civilian“ verschwand aus dem Titel. Die deutschen Arbeitsgruppen hießen fortan German Service Organisation, Die Angehörigen der Organisation können nun laut Vertrag im ganzen Bundesgebiet eingesetzt werden. Neue langfristige Verträge sind in Vorbereitung.

Kein Wunder, daß sich die Männer der Deutschen Dienst-Organisationen ihre eigenen Gedanken machen. Viele von ihnen waren Flüchtlinge, andere arbeitslos und manche Familienväter. Sie waren in den Dienst der Besatzungsmächte getreten, um von der Straße zu kommen und einen job zu haben. Hätten sie Sehnsucht gehabt nach einer militärähnlichen Organisation, so würden sie sich beim neuen Grenzschutz bewerben.

Zweimal hat die SPD-Fraktion in den letzten Wochen eine Anfrage über die deutschen Dienstgruppen an die Bundesregierung gerichtet. Zweimal hat der Kanzler sehr dezidiert geantwortet. Eines der beiden großen Fragezeichen hinter der Zukunft der GSO wurde damit gründlich, wenn auch nicht gerade befriedigend beseitigt. „Sind die Mitglieder der GSO verpflichtet, Befehlen Folge zu leisten, die unter Umständen gegen deutsche Gesetze verstoßen“, so fragte die SPD. Der Kanzler antwortete: de jure ja. Das zweite Fragezeichen aber blieb leider bestehen. In welcher völkerrechtlichen Lage befinden sich die GSO-Angehörigen im Falle eines bewaffneten Konflikts? Der Kanzler antwortete, ihre Behandlung sei wie die aller anderen deutschen Staatsangehörigen Sache der kriegführenden Staaten ...

Mit dieser Formulierung ist außer den Alliierten niemanden, am allerwenigsten den GSO-Männern, geholfen. Sie haben ein Recht darauf, zu wissen, was ihnen bevorsteht. Würde eine einrückende Volkspolizei sie nicht eventuell als Landesverräter betrachten, wenn sie, wie aus gutinformierten alliierten Kreisen verlautet, im Fall des Überfalles zu vollberechtigten Angehörigen der alliierten Streitkräfte erklärt würden?

Der britische Kriegsminister John Strachey lehnte es kürzlich während seines Deutschlandbesuches ab, das Problem zu erörtern. Die amerikanische Armee äußerte sich ebenfalls nicht zu dem Thema, da es „als geheim gelte“. Nicht verschwiegen und nicht geheimgehalten werden kann aber die Tatsache, daß die Deutschen Dienst-Organisation heute für die alliierten Truppen so wichtig sind, daß jede militärische Operation ohne sie im Ernstfall zusammenklappen müßte. Die Bundesregierung sollte darum in den gegenwärtigen Verhandlungen mit den Besatzungsmächten über das Schicksal der deutschen Dienstgruppen nicht locker zu lassen, bis eine endgültige Klärung erzielt ist. C. J.