Von Ernst v. Weizsäcker

250 Jahre besteht die Accademia Pontificia dei Nobili Ecclesiastici, die Diplomatenschule des Vatikans in Rom. Wir haben den letzten deutschen Botschafter beim Vatikan, Staatssekretär Ernst v. Weizsäcker, anläßlich des Jubiläums der Diplomatenschule gebeten, über den Diplomaten und die Diplomatie zu schreiben. Da seit einem Jahr eine deutsche Diplomatenschule in Speyer besteht, ist das Thema für uns von besonderer Bedeutung.

Graf Brockdorff-Rantzau, vielleicht der letzte Diplomat alten Stils, den Deutschland aufzuweisen hatte, sprach einmal den Wunsch aus, als Botschafter an den Vatikan, an diese Hochschule der Diplomatie, versetzt zu werden. Dort glaube er für einen Vertreter seiner Art das geeignete Klima und die beste Resonanz zu finden.

Die größte Kontinuität und Stabilität hätte er da gewiß getroffen. Zu einer unvergleichlichen Tradition kommt dort noch die systematische Schalung angehender päpstlicher Diplomaten in der Accademia Pontificia dei Nobili Ecclesiastici, die in diesen Tagen ihr 250jähriges Jubiläum feiert. Papst Clemens XI. stand am Anfang seines zwanzigjährigen Pontificats, als er diese Diplomatenschule gründete. Seine Gründung hat sich erhalten und bewährt. Leo XIII. und Männer wie die Kardinäle Consalvi und Rampolla sind aus ihr hervorgegangen. Der jetzige Papst, Pius XII., hat an ihr gelehrt.

Das Wesen der Diplomatie ist das Verhandeln zur Förderung gemeinsamer und zum freundschaftlichen Ausgleich divergierender zwischenstaatlicher Interessen. Dieses Verhandeln, teils im schriftlichen Verfahren, wie das Wort Diplomatie es andeutet, teils im mündlichen, hat seine jahrhundertealte Tradition und ist des Studiums weit. Heutzutage löst diese Überlieferung allerdings oft Mißtrauen aus. Man wählt darum für diplomatische Spitzenstellen gerne Männer und neuerdings auch Frauen, die sich vorher anderweitig ausgezeichnet haben, statt der dafür geschalten, und man verweist dabei auf erfolgreiche Vorgänger. Auch Bismarck hat ausnahmsweise zum Botschafter Offiziere genommen und zum Beispiel mit General von Schweinitz beste Erfahrungen gemacht. Die Weimarer Republik war in Bern fünfzehn Jahre lang durch den Mediziner und Redakteur Adolf Müller vertreten, der bekannte österreichische Gesandte Pastor am Vatikan war Historiker, Amerika entsendet als Diplomaten oft Männer der Geschäftswelt und neuerdings Offiziere. Man sag: sich also, nicht die Fachschule sei das Wesentliche, sondern die Schule des Lebens, wo jeder die Menschenkenntnis und Menschenbehandlung lerne, die er als Diplomat vor allem braucht.

Zugegeben. Sollten aber unter den Gelernten, unter den Fachleuten nicht gleichfalls solche sein, die in die Schule des Lebens gegangen sind und die dann sogar den Vorsprung haben, daß sie für das Handwerksmäßige nicht auf die Hilfe derer angewiesen sind, die es beherrschen?

Freilich, die Zeiten haben sich gewandelt und mit ihnen die diplomatischen Sitten und Gebräuche. Eigentlich müßte man meinen, daß nach dem Austausch von Reden oder auch von Noten, wie sie jetzt vorkommen, das heißt nach deren robustem Ton, der weitere Verkehr zwischen den Beteiligten kaum mehr denkbar wäre. Heute scheint der Vorwurf von mala fides oder Unwahrhaftigkeit nicht viel zu besagen. Während man bisler das Wort „Diplomat“ mit einem gewissen Lächeln auf zurückhaltende Gesprächspartner anwandte, privilegiert dieser Titel jetzt offenbar zu größter Ungeniertheit.