Das deutsche Hotel- und Gaststättengewerbe, das seit drei Jahren zahlreiche Tagungen und Fachausstellungen durchführt, zieht klagend durch die Lande: Wenig Sonnenschein habe es bisher für die in Stadt und Dorf in mannigfacher Größe und Art verteilten Betriebe gegeben, meist fühle man sich sogar als steuerlicher Prügelknabe. So heißt es verbandsoffiziell. Zugleich beklagt sich das Gewerbe, daß es zu wenig Einfluß auf die Gesetzesmaschinerie hatte und kaum einer der Abgeordneten oder der Ministerialbeamten von den Wirtschaftsgrundlagen, den Existenzbedingungen und den ökonomischen Nervensträngen des Beherbergung- und Gaststättengewerbes wüßte.

Diese und ähnliche Formulierungen treffen gut ins Schwarze. Aber woher soll die Öffentlichkeit über die Lage des Gaststättengewerbes unterrichtet sein, nachdem, seit Kriegsende eine Publizitätsfeindlichkeit festzustellen ist, die diesem wichtigen Zweig der deutschen Wirtschaft (und seines kulturellen Standards) früher, nicht anhaftete, und die er heute auch nicht haben dürfte!

Es steht außer Frage, daß dem Hotel- und Gaststättengewerbe in Deutschland viel zu wenig Beachtung (im positiven Sinne) geschenkt wird. Einige Daten mögen seine Stellung im Wirtschaftsgefüge umreißen. Ende 1950 zählte das Gaststättengewerbe 150 000 Betriebe mit 550 000 Arbeitskräften im Gebiet der Bundesrepublik und West-Berlins. Sein Umsatz lag zwischen 4 und 5 Mrd. DM, war also größer als z. B. Bergbau oder Stahlindustrie mit 450 000 bzw. 135 000 Menschen und Umsätzen zwischen je 3 und 4 Mrd. DM. Von den 490 000 Betten, die das Beherbergungsgewerbe vor dem Kriege in Westdeutschland zählte, waren Ende 1945 für den Reiseverkehr nur 110 000 geblieben. Heute sind es wieder 275 000. Die Kriegsschadenstimme von 1,4 Mrd. DM ist durch Eigenleistung des Gewerbes um einige hundert Mill. bereits gesenkt worden.

In diesen Rahmen hinein fließen die Besucherströme des Auslandes. 1950 wurde der Wiederanschluß en den internationalen Tourismus gefanden und Deutschland kehrte in die Reihe der großen Reiseländer der Welt zurück. Von mehr als 11 Mill. Fremden mit 37 Mill. Übernachten-, gen waren eine Million Ausländer mit 2,3 Mill. Übernachtungen. Sie brachten rund 200 Mill. DM an Devisen nach Deutschland gegen 300 bis 350 Mill. RM vor dem Kriege. Unter Berücksichtigung der Preisveränderungen wäre das also 25 bis 30 v. H. der alten Position.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Gaststättengewerbes wäre allein schon im Hinblick auf diese Deviseneinnahme hoch einzuschätzen, zumal rund 95 v. H. als Bezahlung von Dienstleistungen gilt, nur etwa 4 v. H. reexportiert und etwa 0,6 v. H. (1,14 Mill. DM) in der Auslandswerbung ausgegeben werden. Demgegenüber ist der inländische Reise- und Erholungsverkehr eine der besten Grundlagen der physischen Wirtschaftskraft der Deutschen. Auf dem kürzlich durchgeführten Deutschen Fremdenverkehrstag in Stuttgart, (siehe „Die Zeit“ vom 10. Mai) hat Bundesverkehrsminister Seebohm mit Nachdruck gerade diese Bedeutung des Gewerbes hervorgehoben: „Sie haben die große soziale Aufgabe, die Arbeitskraft des deutschen Menschen zu erhalten.“ Diese Aufgabe will nun das Gewerbe 1951 auf neuen Wegen bewältigen. Seit einiger Zeit ist der Begriff Sozialtouristik im Sprachschatz aufgetaucht. Sozialtouristik sei die Parole für 1951 – und für später, heißt es jetzt, und großzügige Planungen zwischen dem Gastgewerbe, den Reisebüros, der Bundesbahn und den Gewerkschaften sind angelaufen. Über das Wort kann gestritten werden, zumal es sehr an KdF erinnert. Die bisher beste deutsche Übersetzung hat Dr. Seebohm in Stuttgart in die Debatte geworfen und damit zugleich die Atmosphäre geschaffen, die um dieses Wort schwebt. „Sagen Sie nicht Sozialtouristik. Ich schlage Ihnen den Begriff Einfaches. Reiser? vor. Dieses Wort sagt auch, daß es sich nicht um Reisen in Gruppen oder in einem Kollektiv handelt, wie früher, und es bedeutet zugleich, daß es keine übertriebenen Forderungen an den Geldbeutel stellt.“

Diese Aufgabe dürfte in der Tat erfüllt werden. Auf der Grundlage der Abmachungen innerhalb des Fremdenverkehrsgewerbes kann jeder Deutsche an der Sozialtouristik teilnehmen. Er braucht sich nur eine Reisesparkarte anzulegen, die schon für 2 DM bei der Bundesbahn oder den Reisebüros des Deutschen Reisebüroverbandes und zu 5 DM beim Deutschen Beamtenbund, der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und dem Deutschen Gewerkschaftsbund zu erhalten ist. Dann klebt jeder je nach Laune und Kennen seine Sparmarken in das Heft und kann eines Tages damit auf Reisen gehen.

Das Beherbergungsgewerbe hat Pauschalaufenthalte zugesagt, die Unterkunft, volle Verpflegung (Frühstück und zwei Hauptmahlzeiten) einschl. 10 v. H. Bedienungsgeld von jeweils sieben Tagen vorsehen. Diese können, voll mit den Sparheften durch den Reisenden bezahlt werden.