Die Eisenbahn bleibt der Generalbaß der Symphonie des Reisern und Schwebens.

Ganz bestimmt müßten mehr Menschen verreisenals es bisher tun. Nicht nur die Verkehrsunternehmen, Gastronomen und Ärzte sagen das. Fast alle sagen es sich selbst. Aber da es ihnen überall entgegenschallt: Wir wollen dein Bestes! Dein Geld!, bleiben viel zu viele resigniert zu Hause und gießen die Blumen auf dem Balkon.

Die Bundesbahn, immer noch das größte Beförderungsmittel für jedermann, hat in der schnellsten Nord–Südverbindung von Hoek van Holland nach Basel, die sie im Mai 1951 wiederaufgenommen hat, jetzt auch Dritter-Klasse-Abteile eingerichtet. Einst war der violettblaue „Rheingold-Expreß“ so etwas wie ein Wunder- – zug mit seinen Teppichen und Klubsesseln um Stehlampe und Tisch, mit Mahlzeiten gleich im Abteil. Und die Kinder am Rhein durften abends länger aufbleiben, um seinen Lichterglanz vorbeirasen zu sehen.

Der Velourbelag ist geblieben, Klubsessel um Stehlampe und Tisch nicht, aber die Polsterbänke sind ungewöhnlich breit und komfortabel. Und die Mahlzeiten, die man im Wagen der Companie Internationale des Wagons-Lits et des Grands Express Europeens einnimmt, sind international. So auch die Reisenden, die sich besonders in der 1. und 2. Klasse eng sammeln. Sie fahren das Rheintal herauf oder herunter und blicken huldvoll oder entzückt durch die großen Aussichtsfenster auf den Rhein ... the Rhine... de Rhijn. Es sind mehr selbstzufriedene Gesichter darunter als man in den ganzen letzten Monaten rund um den Kölner Dom und am Jungfernstieg gesehen hat. Tatsächlich erhöht sich entsprechend der gesteigerten Schnelligkeit, mit der draußen die Eindrücke aufeinanderfolgen, die Ferienfreude und Lebenslust von Kilometer zu Kilometer. Offensichtlich nimmt auch die Redelust der Menschen zu, sobald sie ihre Eigengeschwindigkeit beträchtlich überschreiten. Schon im Jahr 1840 schrieb Jacob Burchardt in einem sonst ziemlich mißvergnügten Brief „Das Fahren auf den Eisenbahnen ist sehr lustig, man fliegt eigentlich wie ein Vogel dahin.“ Der „Rheingold-Expreß“ erreicht streckenweise immerhin eine fahrplanmäßige Reisegeschwindigkeit von 120 Kilometer. Zwar würde mancher der Mitfahrenden die liebliche Rheinlandschaft und den abwechslungsreichen Verkehr auf dem temperamentvollen Strom gern etwas intensiver und in langsamerem Tempo genießen, aber die Engländer haben es eilig, denn sie wollen in Hoek van Holland noch das Nachtschiff nach Harwich erreichen, und auf dem anderen Ende in Basel warten ungeduldig die Schweizer, sie warten auf das Rheingold, wie der Schweizer Hotelier beim Rheinsalm im Speisewagen mit durchtriebenem Augenzwinkern gestand. EM