Amtliche und private Reisebüros preisen die unbekannten Dörfer des Chiemgaus, des Inntals, der gesamten Voralpen als ideale Erholungsplätze. Sie haben Ferienexpreßzüge (mit „schlaraffiagepolsterten Doppelsesseln, mit Rücken- und Kopfpolstern, Armlehnen und Ohrenbacken, eleganten Speisewagen mit musikalischer. Unterhaltung“) eingerichtet, in denen man jede Woche für je sieben Tage beispielsweise ab Hamburg nach Garmisch oder Berchtesgaden und etwa fünfzehn anderen bayerischen Gebirgsplätzen reisen kann und je nach Ziel 70,– bis 120,– DM für Hin- und Rückfahrt, einschließlich Platzkarte und 20 Gutscheinen à 1 DM „für Veranstaltungen in den Zielorten“ zahlt. Die „Gesellschaftsreisen“ blühen immer mehr. Tatsächlich kann man sogar für die genannten Groß-Kurorte, auch in Walchensee, Mittenwald, Bayrischzell, Schliersee und erst recht in kleineren Plätzen feste Wochenabmachungen treffen, wobei die Pauschalsumme je nach Unterkunft (in den Kategorien A, B, C) natürlich erheblich schwankt. Allerdings empfiehlt sich eine genaue Lektüre des Leistungsverzeichnisses; mancherorts gilt die Pauschale nur für Zimmer mit Frühstück, Bedienung und Kurtaxe, andere Sparten enthalten den Preis für Vollpension. Auch gehe man nicht sorglos über die Zeile „Einzelzimmerzuschlag 3,50 DM pro Woche“ hinweg, zumal der Zusatz „Einzelzimmer stehen nur in sehr beschränktem Maß zur Verfügung“ zu denken gibt.

Es ist empfehlenswert, sich nach Wahl des Zieles einen Sonderprospekt des gewählten Ferienortes kommen zu lassen; aus dem Vergleich mit den jeweiligen Hotelpreisen läßt sich schon vorher auf die Unterbringungsmöglichkeiten der Reisebüros schließen, und man erleidet keine Enttäuschung. Wer Ruhe sucht und die Weltkurorte schon kennt, dem sei die Gegend von Traunstein vorgeschlagen, Marquartstein, Reit im Winkel, Ruhpolding, Unter- und Oberwössen, dazu die Orte am Chiemsee, Simsee und Staffelsee (bei Murnau), oder Unter- und Oberaudorf und die anderen Plätze des Inntales. Sie alle liegen 500 bis 900 m hoch, sie alle haben wunderbare Wiesen, Almen, Nadelwälder und die Möglichkeit größerer Gipfeltouren mit Hüttenstützpunkten. Daß man ganz allgemein in den großen bekannten Kurorten wie Garmisch oder Berchtesgaden mehr ausgibt als in den abseitigen Dörfern, auch wenn man dort eine billige Pension oder ein Privatzimmer gefunden hat, weiß schließlich jeder Sommerfrischler.

Über den „Luftkurorten“ für die Vergnügungs-, Erholungs- und Sportreisenden seien die bayerischen Heilbäder nicht vergessen, die für vielerlei Leiden Besserung verheißen Reichenhall vor allem für die Atmungsorgane, das Moorbad Aibling für rheumatische und Frauenkrankheiten; Kohlgrub bei Murnau geht mit Eisenmoor- und Stahlquellen den gleichen Schwächen zu Leibe; die Jod- und Schwefelbäder Tölz und Wiessee werden vor allem bei Herz- und Adererkrankungen aufgesucht. Ruhebedürftige Kranke gehen gern in das reizende kleine Heilbrunn, unweit Tölz, das sich einer schwefelwasserstofffreien, starken Jodquelle rühmt. Auch Bad Wörishofen, Pfarrer Kneipps unsterblicher Gründung, liegt auf bayrischem Boden! Kneipps Methoden zusammen mit Fasten-, Diät- und Bäderkuren aller Art werden zudem in einigen bayrischen Sanatorien angewendet; das bekannteste liegt in Berchtesgaden, ein anderes wurde in Wiessee eröffnet.

Auch ohne Oberammergau erhält der Reisende den Eindruck der uralten christlichen Kultur Oberbayerns, wenn er wachen Blickes die kleinen Dorfkirchen, die Dome und die wunderbaren Klöster beschaut – es sei an die Wies-Kirche erinnert und an die köstliche Benediktiner-Abtei des kleinen Luftkurortes Ettal. Sie trösten schließlich sogar über die Königsschlösser (Herrenchiemsee, Hohenschwangau, Linderhof) hinweg, die man sich als Fremder ja nun einmal nicht entgehen läßt und die immerhin eines für sich buchen können: ihre Lage und den Ausblick in eine wunderschöne Landschaft. mmg

Stillstand bedeutet Rückschritt!“ heißt es. Man muß immer etwas zulernen wollen. Für diese Saison habe ich mich fürs Wellenreiten entschlossen. Mit dem vagen Wunsch, mich zu informieren, wo man „irgendwo an die See“ Einfahren könnte, begann es. Als ich das Reisebüro, das ich um Rat fragte, wieder verließ, glich ich einem Zeitschriftenstand, so viele bunte Prospekte hatte man über mich gehäuft. Es ist unheimlich, wieviel Sonne – oder nicht? – und Leben unterwegs an den Küsten speziell auf mich warten.

Die Prospekte sind so schön, daß man sich noch nachträglich über jeden Sommer ärgert, den man nicht an der See war. Wie soll ich mich in dieser Flut bunter Verlockungen durchfinden? Ich sehe mich in Gedanken auf der Seebrücke vom Timmendorfer Strand stehen. Dann wieder sehe ich mich am Strand von Norderney entlanggehen. Ich blättere weiter und nun ist es das Lächeln einer Dame, die den Ausschlag gibt. Ehrlich gesagt, es ist nicht das Lächeln allein! In einem Prospekt von Travemünde ist eine Dame als Wellenreiterin unterwegs. Diese Grazie, mit der die Dame das Gleichgewicht hält! Und das Lächeln und die so frech eingewinkelten Knie. Die Erinnerung an alle Strandbekanntschaften, die gewesen sind, kommen mir jäh abhanden und ich bin wie ein Anfänger auf der Straße der Flirts. Und diese sanft einwärts gebogene Taille. Es ist unmöglich, in Gedanken den Arm nicht herumzulegen...

Was der Prospekt sonst an Spiel und Sport, an Tanzabenden, Tennistournieren, Fünf-Uhr-Tees und Weltstar-Kabarett-Programmen verheißt, das unterstreicht noch das Lächeln dieser Dame. Ich werde diesem Lächeln nachreisen.

Und ich habe mir schon ein Lehrbuch des Wellenreitens bestellt. Hoffentlich kann ich im nächsten Jahr selbst eine „Wellenreitvorschrift für eine Geliebte“ publizieren. Und dann muß ich auch noch etwas sparen. Denn wenn ich auch allen Prospekten alles aufs Wort glaube, die Preise schmeicheln allzu sehr den Brieftaschen der eventuellen Besucher. Jedenfalls aber haben die Leute, die behaupten, daß die Vorfreude die beste Freude ist, bestimmt nicht recht. Das Lächeln der Wellenreiterin auf dem Prospekt straft sie Lügen ... Carl Nils Nicolaus