Amsterdam, im Juli

Es muß nicht immer tragisch und gefühlvoll zugehen auf der Opernbühne und auch nicht unbedingt surrealistisch. So meinte Jean Françaix bereits 1940, als er in Balzacs „Contes Drôlatiques“ jene reizende Geschichte „l’Apostrophe“ fand und sie in Musik setzte. Das heißt: mit Musikstücken versah. Denn es gibt neben einem Rahmenspiel mit Terzett, verschiedenen Couplets, untermalender Musik und sanftem rezitativo-Geplätscher sehr. viel Dialog, geistvoll zugespitzt, auf Situationskomik gestellt und, wie sich herausstellte, von der Musik nicht umzubringen. Das allerdings ist gerade dem Komponisten zu danken, dessen Musik selbst französisch „spricht“, pointiert, und am rechten Fleck gefühlvollironisch singt. Es geht um die junge, hübsche Tascherette, die ihren alten griesgrämigen, freilich ehrenwerten Taschereau reichlich an der Nase herumführt. Sie läßt sich zum Spaß auch einmal mit dem buckligen Carandas ein, hält ihn eine Nacht im Kasten vor dem zu früh heimgekehrten Gatten versteckt und entläßt ihn am Morgen unter Schimpf und Spott. Die Schwachen tun sich auch hier zusammen: Carandas enthüllt Taschereau das wahre Gesicht seiner Tascherette. Ein vergifteter Degen ist schnell zur Hand. Und als der wütende Ehrenwerte den richtigen Liebhaber in seinem Schlupfwinkel durchstoßen will, entfährt Tascherette im rechten Augenblick der verwirrende Ruf: „Unglücklicher, halt ein, du tötest den Vater deiner Kinder!“ Das genügt, um den Giftdegen dem armen Carandas zu versetzen, der das burleske Opfer seiner Intrige wird.

Die Aufführung, wie das ebenfalls zur Uraufführung gelangte Ballett „Billard“ von Serge Nigg, der nach Messiaen und Schönberg nun der französischen Tradition à la César Franck folgt, war einer vorbildlichen Zusammenarbeit französischer und holländischer Künstler zu danken und ein Höhepunkt des Holland Festival, das einen ganzen Monat hindurch in den wichtigsten Kulturmittelpunkten dies Landes Schauspiel, Oper und Konzerte mit hervorragenden in- und ausländischen Künstlern bringt. Hans Rutz

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Stuttgart, im Juli

Wer im sommerlichen Stuttgart auf künstlerische Leckerbissen aus ist, muß sich mit den Dachböden. auskennen. Das Zimmertheater auf dem Dachboden des früheren Amerikahauses, das sein Programm mit Schauspielschülern und Laien bestreitet, erarbeitete sich im Laufe von zwei Jahren den Ruf einer Studiobühne von ausgesprochen avantgardistischen Ambitionen. Sartre und Cocteau wurden hier aufgeführt, und soeben erblickte das pantomimenartige Spiel „Die Unromantischen des jungen Amerikaners Harry Raymon, eines Schülers Jean Louis Barraults, das Licht der Welt. Es ist die Geschichte eines modernen Pierrots, eines unverstandenen Künstlers, der als Eisverkäufer sein Geld verdient. Er liebt Amalie, die Dame in Weiß, aber seine Liebe wird nicht erwidert. Das Spiel vollzieht sich ohne Worte, untermalt von einer Bühnenmusik Aaron Coplands. Da geistert ein Herr Halenkaum durch die Szene, Filmproduzent und Homme du Monde, Prototyp des angebetenen Erfolgsmenschen mit Bridgehosen, Lackstiefeln, Sonnenbrille. Man sieht auch eine Diva – aber man sieht vor allem, wie an Marionettendrähten aufgehängt, Menschen der Straße: das Mädchen, den Arbeiter, den Betrunkenen. Es ist die Romantik der Großstadt, die diese „Unromantischen“ beschwören, und es ist sogar eine echte und gelebte Romantik, die in Momentaufnahmen auf einem Platz, in der Altstadt, im Gefängnis, im Nachtlokal, im Filmstudio, im Park – wie in Chaplins „Großstadtlichtern“ – vorbeizieht.

So wirkt die Gegenüberstellung mit einem Stück „wirklicher“ Romantik, einem aus vier Akten zusammengebrauten Einakter des 1918 gestorbenen französischen Dramatikers Edmond Rostand, das den Titel trägt „Die Romantischen“ und das den „Unromantischen“ voraufgeht, etwas lahm. Rostands Sprache, hier dick aufgetragen im Stil des siebzehnten Jahrhunderts, sein komprimiertes Stück, eine Karikatur auf Romeo und Julia, hat doch den stärkeren Atem. Harry Raymons Szenenfolge, effektvoll und im Stil an Holzschnitte Masareels erinnernd, entbehrt des geistigen Fluidums. Aneinandergereihte Impressionen, die die Zerrissenheit des modernen Menschen zeigen sollen, ergeben noch keine tragende Idee – oder höchsten, wie hier, eine Romanze in moderner, wenn auch liebenswürdiger Tonart. Oder sollte die Gegenüberstellung des modernen Stückes mit dem alten, der Romantik mit der „Unromantik“, die Unsterblichkeit aller Romantik dokumentieren? Dann war diese Lesart gut getarnt. Harry Raymon, der selbst mitspielte und tanzte, erntete großen Beifall, desgleichen seine deutschen Schauspieler- und Tänzerkollegen.

Wolf gang Schwerbrock