In einer reichhaltigen, von der schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur veranstalteten Ausstellung „Das Schweizerische Bühnenbild von Appia bis heute“ in Bern, spiegelt sich nicht nur eine entscheidende Epoche des schweizerischen, sondern des europäischen Theaters überhaupt. Der schweizerische Anteil an der Entstehung des modernen Bühnenbildes geht bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück. Auf die erste deutsche, von Schroeder besorgte deutsche „Gesamtinszenierung“ folgten die Bemühungen Goethes in Weimar, unterstützt durch den Schweizer Maler Heinrich Meyer, der einen Gesamtentwurf einer Schauspielinszenierung verfertigte. Diese Bemühungen um Einheit von Kostüm und Dekoration verhalfen aber keineswegs zur Überwindung der problematischen Kulissenbühne des Barocks. Ein entscheidenderer Impuls kam vom schweizerischen Landschaftstheater (begründet von J. J. Rousseau und Sulzer) her, das sich gleich zu europäischer Geltung aufschwang. Die schweizerischen Festspiele des neunzehnten Jahrhunderts, charakterisiert durch den unbegrenzten Raum und das freie Licht, die eine größere Einheit von Bühne und Zuschauerraum schufen, bildeten einen gewichtigen Beitrag zur europäischen Bühnenreform. Von diesen überdimensionalen, architektonisch gegliederten Bühnen wurde nun der Genfer Adolphe Appia (1862–1928), der zusammen mit Gordon Craig einen Wendepunkt in der Theatergeschichte herbeiführte, zutiefst bestimmt;

Zu einer Zeit, da in Paris der Naturalist Antoine noch einer extremen Wirklichkeitssucht fronte, fand Appia hin zur dreidimensionalen Stilbühne und zum künstlerischen Stilmittel des Lichts. In enger Zusammenarbeit mit Jacques-Dalcroze, dem Begründer der „rhythmischen Gymnastik“, schuf der europäische Begründer der stilisierten Raumbühne und der Lichtregie seine revolutionären Bühnenbilder für Paris, Basel, Mailand und vor allem für die Wagneraufführungen in Hellerau. Seine vom Geiste der Musik getragenen Schöpfungen übten einen nachhaltigen Einfluß aus auf den Schweizer Karl Walser, der entscheidend mitgewirkt hat an der Berliner Bühnenreform von Max Reinhardt, Viktor Barnowsky und Hans Gregor. Walser versuchte dem Bühnenbild neue Aspekte zu geben, indem er den malerischen Impressionismus auf das Theater anwandte. Dabei blieb er nicht nur Maler, sondern wurde zum mitgestaltenden Regisseur, dem ein wesentlicher Anteil zukommt am Weltruhm von Reinhardts „Sommernachtstraum“-Aufführung. Eine wichtige Bereicherung brachten Walsers neuromantisch stimmungsvolle Bühnenentwürfe auch der von Gregor geleiteten Oper. Gleichzeitig wirkte in München am 1908 eröffneten „Künstlertheater“ der Schweizer Hans Beat Wieland, während 1920 Otto Baumberger zu Reinhardts„Urfaust“-Inszenierung. einen beglückenden gotischen Rahmen schuf. Etwas später arbeiteten in Paris die Genfer Adrien Holy mit Gaston Baty, Jean Louis Gampert und Copeau.

Wirkten die Schweizer Künstler bahnbrechend mit in der Entwicklung des europäischen Theaters, so war anderseits eine Bühnenreform in der Schweiz dringend geworden, da das schweizerische Volks- und Festspieltheater zurückgefallen war in den historisierenden. Stil der „Meininger“. Auch hier ging die Erneuerungsbewegung aus von den freien Malern. Als entscheidende Leistung muß die Begründung des Théâtre du Jorat durch die Brüder Morax gewertet werden, die mit diesem „westschweizerischen Bayreuth“ (jedoch ohne kultische? Gepräge) eine Annäherung an die stilisierte amphitheatralische Bühne der Antike vollzogen. Zürich wurde zu einer europäisch führenden Bühne unter Direktor Reucker (1908), der mit Albert Isler die „Reliefbühne“ förderte und auf ihr 1913 die erste Parsifal-Aufführung außerhalb Bayreuths inszenierte. Nach der Ära Reucker sollte das Zürcher Schauspielhaus von 1933 an einen neuen Höhepunkt erreichen, den es bis heute zu behaupten wußte. Aber auch in Basel, Bern, in der West- und Innerschweiz (erinnert sei etwa an die Wiedererweckung von Calderons „Großem Welttheater“ in Einsiedeln), zeigte die Pionierarbeit Appias ihre Früchte. Seine asketische Strenge wurde fruchtbar überholt, die Graphiker trugen bei zu einer linearen Auflockerung, und an Stelle der absoluten Räume des Genfer Vorkämpfers trat die nuancierte Skala von Farben und Formen. Ein ausländischer Kultur von alexandrinischer Raffiniertheit“, die gefördert wurde durch die zentrale Lage des europäischcn Zufluchtsorts Schweiz während des Krieges. Dankbar anerkennen wir die Befruchtung des Schweizer Bühnenbildes durch ausländische Künstler, etwa Theo Otto, Roman Clemens, Emil Pirchan, Ludwig Kainer, Lois Egg und Theodore Strawinsky. Die fortschrittliche, Sir nie dem Experiment um seiner selbst willen Spaliere Kunst des Schweizer Bühnenbildes, durch ausländische Einflüsse gefördert, vermag auch ihre Vertreter im Ausland einen wesentlichen Beitrag zu leisten zur künstlerischen Förderung des Theaters. Hans Erni, Max Röthlisberger, Renè Hubert und Hugo Blättler vertreten würdig ihren Stand auf der Bühne des Welttheaters. Diese prachtvolle Ausstellung, die nächstens auch den Weg ins Ausland finden soll, widerlegt eindrücklich die Legende von der künstlerischen Unfruchtbarkeit der Schweiz. Hansres Jacobi