Die schwedische Regierung Erlander ist bedroht. Bedroht von einem Skandal, der seit einigen Tagen das ganze Land in Atem hält. Es geht um die Beziehungen von Regierungsmitgliedern und höchsten Beamten zur schwedischen Unterwelt.

Pastor Erich Kejne, ein Mitglied der Stock-, holmer Stadtkommission für soziale Arbeit, war es, der den Stein ins Rollen brachte. Seit mehr als zwei Jahren ist er den Nachstellungen und Erpressungen homosexueller und asozialer Elemente ausgesetzt. Da auch nach Rücksprache mit dem Chef der Kriminalpolizei, Zetterquist, die Untersuchungen der Polizei in seinem Fall nur äußerst schleppend vorwärtsgingen, setzte sich bei Pastor Kejne auf Grund verschiedener Indizien der Verdacht fest, daß für die Langsamkeit der polizeilichen Untersuchung eine Intervention des Kirchenministers Nils Quensel verantwortlich sei. Dieser Verdacht verdichtete sich mehr und mehr, war mit der Zeit nicht mehr geheimzuhalten und fand schließlich Eingang in die Presse. Ein Leitartikel der Stockholmer Zeitung Express forderte, daß sich der Kirchenminister Quensel öffentlich verteidigen solle.

Ministerpräsident Erlander setzte daraufhin eine Untersuchungskommission ein. Sie nannte sich Kejne-Kommission. Ihr Bericht wurde teilweise veröffentlicht.

Die ganze Affäre – so geht aus ihm hervor – hat eine lange Vorgeschichte. Bereits im Jahre 1937 war dem damaligen Polizeichef von Stock-, holm, Nothin, aufgefallen, daß der Name des heutigen Kirchenministers und damaligen Ministers ohne Portefeuille, Quensel, oft in kompromittierender Weise in den Polizeirapporten auftauchte. Ministerpräsident und Innenminister Schwedens lehnten damals ein Eingreifen ab; sie erklärten, am Privatleben Quensels uninteressiert zu sein. Elf Jahre später, 1948, stellte sich dann zufällig heraus, daß die kompromittierenden Polizeiakten von damals aus dem Archiv verschwunden waren. Und dann, 1951, kam schließlich der Fall Kejne. Aus dem Untersuchungsbericht der Regierung geht hervor, daß der Pastor der Provokation eines männlichen Prostituierten ausgesetzt war, der mit keinem Geringeren als dem Chef der Kriminalpolizei, Zetterquist, liiert war. Hinsichtlich der Rolle des Kirchenministers Quensel im Fall Kejne weist zwar der veröffentlichte Teil des Untersuchungsberichts einige Lücken auf; die schwedische Presse folgert daraus, daß die jetzige Regierung den noch amtierenden Kirchenminister schützen wolle. Er stellt aber immerhin fest, daß Quensel, königlicher Minister für kirchliche Angelegenheiten und Träger der vornehmsten schwedischen Auszeichnung, des Serafimer-Ordens, jahrelang Verbindung zur Unterwelt Stockholms aufrechterhielt. Er wurde wiederholt von dunklen Elementen erpreßt, unter Androhung eines öffentlichen Skandals. Einer seiner Schützlinge, der von ihm 50 000 Schwedenkronen erhielt, hatte sich bereits einmal an die Polizei gewandt.

Der Kirchenminister Quensel selbst erklärt, daß seine Verbindung zur Unterwelt lediglich eine folge seiner umfassenden philanthropischen Tätigkeit gewesen sei. Er gibt zu, im Laufe dieser philanthropischen Tätigkeit bedeutende Summen an Mitglieder der Unterwelt gegeben zu haben. Alles andere sei Lüge.

Die Haltung der sozialdemokratischen Regierung Erlander in der ganzen Affäre hat in der schwedischen Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Am vergangenen Sonntag hat zwar der Sozialminister Möller den bevorstehenden Abgang des Kirchenministers angekündigt – aber aus anderen Gründen als den im Kejne-Bericht erwähnten Vorgängen. Und es ist fraglich, ob sich die schwedische öffentlichkeit mit diesem Versuch des Kabinetts, sich aus der-Affäre zu ziehen, zufrieden geben wird. Möglicherweise wird ein politischer Sturm gegen die gesamte Regierung Erlander der Affäre um den Kirchenminister Quensel folgen. Sicher ist, daß der Skandal einer der Punkte auf der Tagesordnung. sein wird, die der schwedische Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt im Herbst zu behandeln hat. Engdahl-Thygessen