Eine dunkeläugige junge Frau, die ihren Schreibgriffel an die Lippen legt und in der Linken ein Täfelchen hält – ein viel umrätseltes Rundporträt unter den pompejanischen Wandgemälden – schmückt Arthur Weigalls Buch „Sappho auf Lesbos“. Dies ist eine der Hilfen, die der englische Kulturhistoriker der Phantasie gibt, um aus mythisch verschwommenen Vorstellungen einen klareren Umriß zu gewinnen. Die Biographie, jetzt deutsch im Paul List Verlag (Leinen 11,80 DM), stellt ein Koordinatennetz von Bezüglichkeiten her, die zwar nicht alle mit Dokumenten zu belegen sind, aber doch auf genaues und fleißiges Quellenstudium schließen lassen. Weigall errechnet einigermaßen überzeugend, daß die Sappho 612 v. Chr. in Eresos auf Lesbos geboren wurde. Sie war Zeitgenossin des Jeremias und des Hesekiel, ja für einen Lebensabschnitt auch die Buddhas. Einigen der sieben Weisen des Altertums könnte sie begegnet sein.

Aus solcher Fixierung bestimmt sich das politische Klima, in dem die Sappho aufwuchs, und das geistige Hintergrundgeflecht ihres Werkes. In der Schilderung der Landschaft holt Weigall weit aus, oft schwelgt er in malerischen Details, die kulturgeschichtlichen Requisiten setzt er vielleicht ein wenig freizügig zusammen. Insgesamt aber ist das Mosaik, das von der Lebensweise der Sappho mit ihren Freundinnen, von ihrem Haus, ihrem Garten und ihren Gesellschaften entsteht, handfester und trockener als die opernhaften Entwürfe späterer Dichtungen. Die Fragmente sind, in die Biographie eingestreut, oft ein wenig naiv zur Illustration einzelner Stationen benutzt. An die Substanz der Dichtung selbst wagt sich das Buch nicht mit kühnen, neuartigen Deutungen, es hält sich an die Grenzen eines „Lebensbildes“. Dies aber läßt immerhin ahnen, daß die Bedingungen, unter denen sich dieser weibliche Genius entfaltete, singulär und zugleich typisch gewesen sein müssen.

Klein, dunkel, zierlich ist die Sappho nach zeitgenössischen Zeugnissen gewesen, lebhaft und elegant in der Bewegung, keine Schönheit, aber von jenem fesselnden Reiz, den ein Gesicht als Spiegel unablässig strömender Phantasie haben kann. Sinnlichkeit und aggressiver Intellekt mögen sich in dieser Natur einander gesteigert haben zur rauschhaften Unbedingtheit. Eine – vielleicht verwegene – Spekulation könnte verführen, eine geheime Ahnenreihe, verwandte Züge selbst im Äußeren bis hin zu den Bettina von Arnim, Caroline Schlegel, Günderode und späteren aufzuspüren.

Dennoch, was an Süße und Kraft aus den Bruchstücken ihrer Dichtung heute noch zu schmecken ist, konnte wohl, so Form geworden, nur in dieser Sonne, in dieser Landschaft, in dieser Stunde des ionischen Adels reifen, in einer Freiheit und Verfeinerung der Sitten, wie sie den Frauen des Altertums sonst nirgends erreichbar war. Müßig ist es eigentlich, daß Weigall dieses Phänomen gegen puritanische Einwände aller späteren Epochen abzuschirmen sucht.

Helene Rahms