Von unserem Pariser Korrespondenten Arthur Rosenberg

Paris, im August

Von Afrika wird heute in den internationalen Plänen viel gesprochen. Frankreichs Außenminister Schuman erklärte, die gemeinsame Erschließung dieses Kontinents sei eines der Ziele der Montanunion. General de Gaulle sprach sogar von einer deutsch-französischen Arbeitsgemeinschaft für die nordafrikanischen Länder und Kolonien. Und für Washington endlich ist der schwarze Kontinent als Reserve und Ausweichstellung, als Flug- und Aufmarschbasis von entscheidender Bedeutung. Die OEEC beschäftigt sich daher gegenwärtig mit einer Koordinierung der verschiedenen Pläne. Am 20. August wird in Nairobi eine erste Konferenz zusammentreten, an der Frankreich, Großbritannien, Beigien und die afrikanischen Staaten teilnehmen, – um spezifisch afrikanische Militärfragen zu beraten.

Frankreich hatte 1946 einen ersten Zehnjahresplan für die Erschließung seiner afrikanischen Gebiete entworfen, dessen wesentlichste Punkte später in den Monnet-Plan aufgenommen wurden. Erst 1950 konnte mit dem eigentlichen Neuaufbau begonnen werden. Seither hat die Lieferung von Ausrüstungsmaterial und die Steigerung der afrikanischen Produktion den Warenaustausch zwischen dem französischen Mutterland und den afrikanischen Gebieten rasch steigen lassen. Die Ausfuhr Frankreichs nach gewissen Territorien erreichte 1950 das Zehn- bis Fünfzehnfache von 1938; die Einfuhr aus Afrika das Zwei- bis Dreifache.

In Paris aber hat man jetzt erkannt, daß man hier vor Aufgaben steht, denen Frankreich allein nicht gewachsen ist. Es fehlt an Arbeitskräften, es fehlt an Geld. Es ist naheliegend, daß Frankreich daher an den Schuman-Plan dachte, an Deutschland. Wie aber wird sich die eingeborene Bevölkerung verhalten, wenn die Erschließungsarbeiten zusammen mit anderen Staaten, besonders mit Deutschland unternommen würden? Um diese unbekannte Größe in der europäischafrikanischen Politik zu ermitteln, darum befragten wir repräsentative Vertreter der afrikanischen Bevölkerung.

Die Bibliothek, in der Leopold Senghor mich empfängt, ist von zwei großen Bildern einer Frau, einem Ölbild und einem Foto, beherrscht, Die Hautfarbe ist schwarz, man muß aber daran denken, um es zu bemerken, denn seine Züge sind ganz die eines Weißen. Dieser Dunkelfarbige aus dem Senegal lehrte zuerst in Tours, später in Paris französische Gymnasiasten Französisch und Latein. Seit 1948 ist Senghor Professor für Zivilisation und Sprachen Afrikas an der Hochschule für die Überseegebiete. Er ist Mitglied der Nationalversammlung, des Europarates, Vizepräsident der französischen Delegation bei der UNESCO. Als Farbiger wurde er unter der deutschen Besetzung interniert. Er hat die Zeit benutzt, um Deutsch zu lernen.

„Ich glaube“, sagte mir Senghor, „daß fassenkreuzung zur Hebung der Menschheit notwendig ist. Die Französische Union will eine Föderation von Völkern aller Erdteile sein. In einer solchen Gemeinschaft finden wir Afrikaner unseren Platz. Afrika braucht Europa wegen seiner Überlegenheit im Technischen und wegen seiner Kultur. Doch Europa braucht ebenso Afrika, nicht nur wegen seiner Rohstoffe, auch für die Weiterentwicklung seiner Kultur, die sonst an menschlichem Gehalt versiegen würde. Es braucht Afrika wegen der Rhythmen und Formen für seine Kunst und seine Musik. Auch Hitler sprach davon, daß die Stunde Afrikas gekommen sei, er meinte aber ein Afrika, das für die anderen, vor allem für die Deutschen da sein soll. Die Völker Afrikas verlangen Selbständigkeit innerhalb der Französischen Union und volle Gleichberechtigung für den einzelnen. Wir wollen ein demokratisches Afrika aufbauen, doch nicht für die anderen, sondern für uns selbst.“

„Der Monnet-Plan ist gut“ – so fuhr er fort –, „er vernachlässigt aber die sozialen und kulturellen Interessen der afrikanischen Bevölkerung zugunsten des rein Wirtschaftlichen. Wir sind nicht gegen den Schuman-Plan, wir wollen aber nicht, daß Afrika als Morgengabe für eine Ehe zwischen Frankreich und Deutschland dient. Wir sind nicht gegen ausländische Fachleute, wir sind aber gegen Kolonisten, weil mit den Kolonisten jedesmal Rassengefühl und Rassenhaß Einzug halten. Wir haben keinen Haß gegen Amerikaner oder Deutsche, wir sind aber mißtrauisch gegen Völker, bei denen ein Rassengefühl besteht...“

Lamine Gueye ist Bürgermeister von Dakar, das täglich mehr in Weltbedeutung hineinwächst. Als Knotenpunkt im Verkehr zwischen Europa und Amerika steht es im Zentrum aller strategischen Pläne des Westens. Etwas von solcher Weltverbundenheit ist auf Lamine Gueye übergegangen. Er ist Präsident des Großen Rates von Französisch-Westafrika mit seinen 20 Millionen Einwohnern.

Er wohnt in einem beaux quartiers von Paris. Ein Stubenmädchen öffnet, sie trägt das veißgestärkte Häubchen und die weiße Schürze wie es in diesen Luxusvierteln üblich, ist. Sie ist weiß, der Sekretär, der mich in den Salon führt, schwarz, Typ Sorbonne.

„Selbstverständlich wünschen wir Afrikaner (er sagt nie Eingeborene) die Entwicklung unseres Kontinents, wir wollen aber nicht, daß sie über unsere Köpfe hinweg erfolgt. Der Boden gehört den Afrikanern, nicht den Franzosen. Was für Afrika notwendig ist, wollen wir selbst entscheiden. Wir wollen, daß bei allen Unternehmungen afrikanisches Kapital mitbeteiligt ist. Es ist heute afrikanisches Kapital vorhanden, allerdings nicht ausreichend, um die Arbeiten in dem Tempo durchzuführen, das ausschließlich fremdes Kapital erlauben würde. Wir sehen es aber lieber, wenn die Entwicklung langsamer vor sich geht, dafür aber unter afrikanischer Beteiligung. Den Afrikanern geht es heute besser als vor dem Krieg, das Lebensniveau hebt sich, die Wohnverhältnisse sind vielfach so, daß sie auch einen Europäer zufriedenstellen würden. Mancher Afrikaner, der noch vor zehn Jahren in einem Holzverschlag wohnte, hat heute seinen Steinbau mit Badezimmer, Fließwasser und elektrischen Ventilatoren. Das Gefühl der Gedrücktheit ist im Schwinden, seit die Gleichberechtigung sich entwickelt. Im Vorjahr wurde das Gesetz über die Gleichstellung der Rassen votiert. Damit fällt die bisher unterschiedliche Entlohnung weg.“ – „Ist das nicht bloße Theorie?“ – „Durchaus nicht, die Durchführung liegt ja in Händen von Körperschaften, die aus Afrikanern bestehen.“

„Wie denken Sie über die Möglichkeiten einer Erschließung Afrikas im Rahmen des Schuman-Planes?“ – „Man hat uns seinerzeit viel von deutschen Scheußlichkeiten erzählt, man hat uns den Haß gegen Deutschland geradezu eingeimpft, Hitlers ‚Mein Kampf‘, der auch bei uns gelesen wurde, hat uns mit Schrecken erfüllt. Dann kam Vichy und wollte uns das Gegenteil glauben machen. Mit der Libération wechselte der Kurs wieder einmal und heute sollen wir Deutschland nochmals anders sehen. In unseren Leuten ist etwas vernichtet: der Glaube. Der Afrikaner stellt vor lauter Fragezeichen. Der Haß ist im Schwinden. Es hieße aber zuviel sagen, daß wir für einen solchen Plan Begeisterung aufbringen.“

Noch eine ganze Reihe führender Vertreter Afrikas äußerte sich zu den gleichen Fragen, Nicht alle waren gleich zurückhaltend. Die Haltung der Bevölkerung wird aber zweifellos von jenen bestimmt werden, die die radikalere Stellung einnehmen. Ein erwachendes Selbstbewußtsein fordert politische, wirtschaftliche und moralische Gleichberechtigung. Eine solche Haltung schließt durchaus nicht eine gemeinsame europäische Erschließungsarbeit in Afrika aus. Sie macht es aber notwendig, nicht nur mit europäischen Regierungen, sondern auch mit der afrikanischen Bevölkerung als Partner zu rechnen.