Die erste Konferenz mit unseren Alliierten, an der ich in Berlin teilnahm, hatte die Aufgabe, „richtunggebende Grundsätze zur Wirtschaftlichen Entmilitarisierung Deutschlands“ auszuarbeiten.

Vor einer Woche war die Potsdamer Konferenz zu Ende gegangen, auf der beschlossen wurde, Deutschland wirtschaftlich zu entmilitarisieren, die Wiederauferstehung der Militärmacht Deutschlands unmöglich zu machen und ein friedensmäßiges wirtschaftliches Potential festzusetzen. Die Durchführung dieses Beschlusses wurde dem Alliierten Kontrollrat in Deutschland übertragen.

Die Dolmetscher übersetzten: „Ausarbeitung der Politik der wirtschaftlichen Demobilisierung.“ Ein linguistischer Grenzfall. Im englischen Text heißt es: „politics“. Die Dolmetscher übersetzten wörtlich ins Russische „Politik“, obwohl dieses Wort im Englischen einen viel umfassenderen Sinn hat und im gegebenen Fall dem russischen Ausdruck „leitende Grundsätze“ weit eher entspricht. General Schabalin, mein hoher Chef, springt bei dem Wort „Politik“ wie gestochen in die Höhe. „Was für Politik? Alle politischen Fragen wurden auf der Potsdamer Konferenz erledigt!“ Der amerikanische General Draper pflichtet bei: „Ganz richtig – es wurde alles erledigt. Unsere Aufgabe ist es lediglich, diese Beschlüsse in die Tat umzusetzen und zu diesem Zweck die leitenden Grundsätze festzulegen.“ Die Dolmetscher, sowohl der amerikanische als auch der englische, übersetzen wieder mit vereinten Kräften: ... „politics“. General Schabalin widerspricht kategorisch: „Nichts von Politik. Das ist erledigt. Ich bitte, keinen Druck auf mich auszuüben!“ „Aber das hat doch nichts mit Politik zu tun“, versuchen die Dolmetscher den General zu beruhigen, „das ist – politics.“

„Ics oder Ik, ich sehe keinen Unterschied“, widersetzt sich der General. „Ich habe nicht die Absicht, die Potsdamer Konferenz zu revidieren.“ Im Anschluß daran entwickelt sich die erste stundenlange Schlacht am runden Tisch. Einzig und allein wegen des verzwickten Wortes „politics“, das General Schabalin unter keinen Umständen in die Tagesordnung und in die Sitzungsprotokolle aufgenommen sehen will.

In den Wirtschaftskreisen des SMA-Hauptquartiers hört man oft, daß der Kreml die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz als den großten Sieg der Sowjetdiplomatie bewertet. Die Moskauer Instruktionen betonen das bei jeder Gelegenheit. Auf der Potsdamer Konferenz gelang es den sowjetischen Diplomaten, von den westlichen Verbündeten Zugeständnisse zu bekommen, die sie selbst nicht erwartet hatten. Vielleicht trug der erste Siegesrausch und der ehrliche Wunsch der westlichen Alliierten dazu bei, Rußland für die heldenhaften Anstrengungen und die ungeheuren Opfer des Krieges zu entschädigen. Vielleicht auch der Umstand, daß neue Männer an der Konferenz teilnahmen – Präsident Truman und Premierminister Attlee –, die die Methoden der sowjetischen Diplomatie noch nicht genügend kennengelernt hatten. Das Potsdamer Abkommen gab der Sowjetunion praktisch das Verfügungsrecht über Deutschland. Einige Punkte des Abkommens, die sehr fein formuliert waren, erlaubten in der Folge, dort, wo es erforderlich schien, verschiedene Auslegungen. Aufgabe der SMA war es nun, die Kunst der Sowjetdiplomatie erschöpfend auszuwerten. „Nichts von Politik!“ verteidigt sich General Schabalin wie ein Bär vor dem Angriff des Wurfspeers. Ihm schwebt anscheinend der Zusatz auf der Zunge: „Ihr wollt mich wohl nach Sibirien treiben?“ Hier findet die Gewohnheit selbst der höchsten sowjetischen Beamten ihren Ausdruck, nichts auf eigene Verantwortung und auf eigenes Risiko zu tun. Mögen die anderen entscheiden – ich führe bloß aus ... Das ist der Grund, weshalb alle Entscheidungen ganz von oben herkommen.

In der Folge konnte ich mich davon überzeugen, daß die amerikanische oder englische Delegation ihre Entschlüsse im Verlauf der Verhandlungen ändern konnten. Die sowjetische Delegation dagegen kam und ging immer mit im voraus gefaßten Beschlüssen oder bestenfalls mit einem roten Fragezeichen auf dem betreffenden Schriftstück, das der General in einer roten Aktentasche trug, die er nie aus den Händen ließ. Seine Funktion bei den Sitzungen des Kontrollrats war eher die eines Kuriers als die eines Verhandlungspartners. Eine aufgeworfene Frage wurde niemals am selben Tage entschieden, sie wurde immer nur behandelt. Nachts ging im Arbeitszimmer des Generals hinter den filzbeschlagenen Türen die „Wertuschka“, die direkte Telefonleitung nach Moskau. Gewöhnlich befand sich Anastas Mikojan am anderen Ende der Leitung, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees und Außerordentlicher Bevollmächtigter des Ministerrats der UdSSR für Deutschland – praktisch der Vizekönig des Kremls für Deutschland. Hier wurden die Beschlüsse gefaßt oder, richtiger gesagt, die Befehle entgegengenommen, an denen sich später die Delegationen der Alliierten die Zähne ausbissen.

Schon bei den ersten Begegnungen mit den Alliierten springt ein großer Unterschied in die Augen. Sie empfangen uns Sowjets wie verdienstvolle Krieger und aufrichtige Verbündete in Krieg und Frieden. Wir hingegen empfinden die „Alliierten“ als Gegenseite, als Feinde, mit denen wir nur kraft taktischer Erwägungen gezwungen sind, an einem Tisch zu sitzen. Bei uns wird die Frage vom ideologischen Standpunkt aus gelöst. Die Alliierten glauben, Karl Marx und Lenin seien tot. Nein, ihr Schatten steht hinter uns in diesem Konferenzsaal des Alliierten Kontrollrats. Die Alliierten können das heute noch nicht begreifen. Das ist schlimm für sie.