Es gibt etwa 100 000 Jäger in der Bundesrepublik. Nach der Durchschnittsrechnung besaß jeder von ihnen früher drei Jagdwaffen, eine Flinte, eine Büchse und einen Drilling, also eine kombinierte Waffe mit zwei Schrotläufen und einem Kugellauf, Das alles repräsentiert nach den heutigen Anschaffungspreisen einen Wert von etwa 2500 DM. Das Waffenarsenal der deutschen Jägerschaft würde also heute ein Wertcbjekt von 250 Millionen Mark darstellen.

Diese Kleinigkeit ist 1945 mit einer lässigen Handbewegung der Alliierten einkassiert worden. Die Jagdwaffen waren zwar kein Kriegsgerät, sondern Privateigentum, das unter dem Schutz der Haager Landkriegsordnung stand. Aber das galt damals nicht viel. Bei Androhung der Todesstrafe waren die Waffen abzuliefern. Sie wurden teils gesammelt, teils in „private Obhut“ alliierter Interessenten genommen, teils von übereifrigen Morgenthaulern in Haufen auf die Straße geworfen und von schweren Panzern überfahren und atomisiert. Quittungen für die Ablieferung liegen heute nur vereinzelt vor, das Recht auf Entschädigung ist daher umstritten.

Immerhin, einem viel zitierten Spruch entsprechend ist einem Jäger seine Waffe ebenso lieb wie seine Braut, die man ja auch – selbst unter Androhung schwerster Strafen – nur ungern abliefert. So ist es nach Kriegsende vorgekommen, daß Flinten und Büchsen in die Scheunen, auf die Dachböden oder unter die Erde verschwanden und jahrelang in ihren Verstecken blieben, während eine Armee von Wildschweinen die Kartoffeln und das Getreide auf unseren Äckern auffraß. Den Bemühungen des Deutschen Jagdschutzverbandes ist es nun endlich gelungen, die Alliierte Hohe Kommission und das Militärische Sicherheitsamt davon zu überzeugen, daß die Inbetriebnahme dieser versteckten Jagdwaffen weder die Sicherheit der alliierten Panzerdivisionen noch das Werden eines geeinten Europa zu gefährden vermag. Im August und im September wurde mehrfach auf dem Petersberg verhandelt und schließlich erreicht, daß die Bundesregierung zum Erlaß einer Art Amnestie ermächtigt wird. Die Jäger werden also demnächst die nicht abgelieferten Jagdwaffen aus ihren Verstecken hervorholen dürfen und sie gegen Erstattung einer erhöhten Gebühr von 25 DM und 50 DM legalisieren können.

Das ist ein Fortschritt, aber noch keine Lösung. Um die Verminderung der katastrophalen Wildschäden planmäßig und nachhaltig durchführen zu können, braucht jeder der 100 000 Jäger mindestens drei Waffen; es werden also 300 000 Stück gebraucht. Als im yorigen Jahr die Besatzungsmächte den Besitz von Jagdwaffen wieder. erlaubten, beschränkten sie die Höchstzahl für die Bundesrepublik auf 75 000 Stück, Alle Bemühungen, diesen Plafond zu erhöhen, begegnen auch heute noch schweren Bedenken des Militärischen Sicherheitsamtes, so unbegreiflich das auch klingt. Aber selbst diese 75 000 Stück sind schwer zu beschaffen. Einen beträchtlichen Teil davon mag die Amnestie ans Tageslicht bringen, die übrigen aber müssen durch Einfuhren oder durch Herstellung in Deutschland wieder beschafft werden. Und damit sieht es schlecht aus.

In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden etwa 12 000 Flinten aus der Ostzone beschafft, wo die einst berühmten Suhler Waffenfabriken als volkseigene Betriebe wieder produzieren. Die Wiederaufnahme des Interzonengeschäfts wird jetzt weitere Bezüge von dorther ermöglichen. Wichtiger noch als Flinten wären uns aber Kugelwaffen, weil man nur mit ihnen Wildschweine und Hirsche bejagen kann. Aber Suhl hat genauso wenig die Erlaubnis, Büchsen herzustellen, wie bisher die Büchsenmacher in der Bundesrepublik. Darum müssen wir Kugelwaffen aus west- oder südeuropäischen Ländern importieren. Das begegnet teils den üblichen Schwierigkeiten der Devisenbeschaffung auf deutscher Seite, teils aber auch Lieferungsbeschränkungen seitens der ausländischen Waffenfabriken, die es heute lukrativer finden, für die Armeen zu produzieren als für die Jägersleute. Außerdem sollen jetzt die deutschen Jäger durch einen fünfundzwanzigprozentigen Einfuhrzoll auf Jagdwaffen – und dementsprechend unerschwingliche Preise im Einzelhandel dafür bestraft werden, daß sie damals dumm genug waren, ihre Waffen abzuliefern. Bisher sind so nur etwa 1000 Kugelwaffen hereingekommen – ein Tropfen auf den heißen Stein,

Mit der Herstellung von Jagdwaffen im Bundesgebiet sieht es auch nicht glänzend aus. Die ehemaligen Produktionsstätten sind restlos demontiert. Nicht einmal die leichteste Kleinkaliberwaffe könnten wir heute in Deutschland herstellen. Bisher durften wir es auch nicht. Das ist jetzt durch die Novelle zum Gesetz 24 behoben. Wir haben jetzt Erlaubnis, Kugelwaffen herzustellen, aber – die Läufe ziehen dürfen wir nicht. So werden die glatten Läufe in die Schweiz geschickt, damit sie dort gezogen werden. Vorläufig bemühen sich die Jäger noch darum, überhaupt Unternehmer zu finden, die unter diesen Verhältnissen bereit sind, Jagdwaffen serienweise herzustellen. In Eckernförde in Holstein und in Ulm haben sich solch mutige Leute gefunden. Erst mit der Entwicklung einer deutschen Jagdwaffenindustrie wird die Wiederaufrüstung unserer Jäger in einem Maße durchführbar werden, das es uns ermöglicht, die 30 Millionen DM jährlicher Wildschäden abzuschütteln und das verlorene Jagdwaffenkapital von vielen Millionen DM allmählich wieder aufzubauen.