W. A. Marly-le-roi, Anfang Oktober

Mit General Eisenhower und seinem Generalstabschef General Gruenther ausführlich zu sprechen, war ein außerordentliches Erlebnis, Eisenhower kam soeben von einer anstrengenden Inspektionsreise ins Hauptquartier der Atlantik-Armee zurück, sah aber aus, als käme er aus dem Urlaub. Nichts scheint ja diesen 61jährigen Soldaten zu ermüden, dessen persönlicher Charme – beliebt bei allen, die ihm während des zweiten Weltkrieges begegneten – ihm nun gewiß bei den heiklen Aufgaben eines Oberbefehlshabers in Europa zugute kommt. Diese seine Persönlichkeit hat dem Hauptquartier seinen Stempel aufgedrückt. Es herrscht im Stab seiner 600 Offiziere ein Geist herzlicher und reibungsloser Zusammenarbeit.

Shape bereitet die Strategie vor, die Europa nötigenfalls gegen einen Angriff verteidigen soll. Dabei stützt Eisenhower seine Pläne auf die nationalen Bestandteile der Verteidigungsstreitmacht, die ihm bereits heute zur Verfügung stehen, sowie auf jene, die bei einer Vermehrung der Mitgliederzahl der Atlantik-Organisation hinzutreten werden. In naher Zukunft soll nun auch der deutsche Beitrag hinzukommen. Das ist mir immer wieder versichert worden.

Eine Frage, die in dieser Beziehung in der deutschen, aber auch der ausländischen Presse immer wieder aufgeworfen wurde – ob kleinere oder größere deutsche Einheiten – wird in Eisenhowers Hauptquartier nicht sonderlich diskutiert. Sie tritt in den Hintergrund, weil General Eisenhower und sein Stab die Länder, die sie zu verteidigen planen, und die nationalen Streitkräfte, mit denen sie ihre Pläne ausführen wollen, aus der Konzeption eines allumfassenden Oberkommandos betrachten. Welches sein oberster Gesichtspunkt ist, hat der Oberbefehlshaber immer wieder betont: es ist der Wunsch, freie Völker in Europa zu bewahren; der Wille, die geistige Erbschaft Europas zu verteidigen. Er haßt jene Methoden der „Einigung“, wie sie den Völkern im Osten aufgezwungen wird, mit „einer Pistole im Genick“, wie er selbst sagte. Im Hinblick auf die völlige Gleichberechtigung, die die Angehörigen eines deutschen Kontingents im Hauptquartier Eisenhowers zu erwarten haben, sprach Eisenhower davon, daß sich in Deutschland in „aufsteigender Kurve ein gesundes Leben“ entwickele. General Gruenther brauchte sogar den Ausdruck „Verjüngung“.

Welches sind nun die militärischen Probleme, denen dieses Hauptquartier gegenübersteht? Da die Sowjetzone in Mitteldeutschland tief in den Westen hineinragt, hat man von einem Korridor zwischen Nordwestdeutschland und Südwestdeutschland gesprochen. Man sprach von Verteidigungslinien. Doch die Vorstellung einer Verteidigungslinie ist längst überholt. Statt dessen will man Verteidigungsgebiete wählen, die durch die Bodenbeschaffenheit bestimmt werden. Wo aber diese Verteidigungsgebiete beginnen und wo sie enden, und wie weit östlich sie sich innerhalb des Gebietes der Westalliierten ausdehnen werden, das hängt in hohem Maße von dem Ausbau der Streitkräfte ab. In diesem Aufbau wird der deutsche Beitrag natürlich von vitaler Wichtigkeit sein.

Frage an die Mitglieder des Eisenhowerschen Stabes: „Wie gedenken Sie die zukünftigen deutschen Truppen in die bereits bestehenden Kräfte einzugliedern?“ – Spontane Antwort: „In der gleichen Weise, in der wir die jetzt unter unserem Befehl stehenden internationale Streitmacht vereinigen. Deutschland will gewiß nicht Niemandsland werden. Die Deutschen wissen, daß sie im Lager des Westens stehen. Sie haben Interesse daran, dafür zu sorgen, daß der Westen angemessen verteidigt wird; denn dadurch verteidigt Deutschland sich selbst.“

Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge dürfte die wirksamste Organisation einer europäischen Streitmacht unter dem Befehl Eisenhowers folgendermaßen gegliedert sein: Erstens, die größte „nationale“ Einheit ist die Division. Sie hat ihr eigenes „nationales“ Kommando, und ihre. Bestandteile sind Regimenter oder Brigaden, die von der eigenen Regierung rekrutiert werden. Zweitens, Armeekorps und alle höheren Kommandostellen haben internationalen Charakter; das heißt: die verschiedenen Spezialstäbe haben keine bestimmte Nationalität. drittens, die Verpflegungs-, Rekrutierungs- und Verwaltungsaufgaben, zu denen die Ausbildung und Ausrüstung der Truppe gehören, wird wohl einem europäischen Kriegsminister unterstellt werden. Welche Vollmacht dieser europäische Kriegsminister haben soll, und wieviel von seiner Verantwortung er an die nationalen Kriegsminister der einzelnen Mitgliedsstaaten abzugeben hat, darüber wird gegenwärtig auf der politischen Ebene verhandelt. Daß eine solche Aufteilung notwendig sein wird, hat man eingesehen und angenommen. Viertens, es ist unverkennbar, daß einige Mitgliedsstaaten gewisse Abänderungen dieses Schema im Hinblick auf die besonderen Aufgaben verlangen, die ihre Länder zu bewältigen haben und die außerhalb des Rahmens der unmittelbaren westeuropäischen Verteidigung liegen. Da gibt es zum Beispiel die Verpflichtungen Frankreichs in Indochina. Hierher gehört auch die Frage der britischen Mitgliedschaft und der Umstand, daß die britische Armee die nationale Armee im eigenen Lande bleiben wird.