Zwischen den Kulissen des spanischen Welttheaterszu Ende des achtzehnten Jahrhunderts wogen menschliche Physiognomien gleich denen in Dantes Inferno. In ihrer Mitte, bestrahlt vom Genius und verhaftet in allen irdischen Fangstricken, Francisco de Goya auf der Höhe seines Ruhms, löwenköpfig, häßlich, dick und unmäßig in Leidenschaft und Eitelkeit. Als intuitiver Revolutionär gegen die Konvention lebt, liebt und malt er in einer Zeit, wo Fin-de-siècle-Stimmung, demokratische Morgenröte, dumpfe Menschensuchte und kreatürliches Elend wie Blasen aus einem noch nicht ausgekneteten Teig aufsteigen. Was Lion Feuchtwanger aus dieser garenden Masse heraushob, sind literarische „Caprichos“, die an Intensität und meisterlicher Formgebung den radierten seines Helden kaum nachstehen. Selten vermitteln biographische Ronane so die Gewißheit unbedingten Erfassens. Die drei Elemente, aus denen sich dieser „Goya“-Roman zusammenfügt (Neuer Verlag, Frankfurt, 686 S., Leinen 19,80 DM), ergeben als Einheit erst Rahmen und Bildnis: Geschichtlichpolitische Kontroverse, erklärende Rückblenlungen und wuchtige Verlebendigung des Künsters. Diese Fülle wird mit realistisch-sparsamen Stilmitteln überzeugend gebändigt.

Aus der Vielfalt der Szenen (etwa der des erschauernd klar gedeuteten andalusischen Tanzes, der in ihrer kalten Schilderung erschreckenden des Todes der Herzogin von Alba, der wie ein Alpdruck gesehenen des Inquisitionstribunals) sei besonders auf jene hingewiesen, da der fast taube Maler die königliche Familie porträtiert. Dieses in seiner Entschleierung des Majestätischen, in einer Erspähung der menschlichen Unzulänglichkeit aufrüttelnde Bild ist von Feuchtwanger in Fast hexenmeisterlicher Art und Weise in Vorlag und Wort umgeschaffen worden. Wenn die Königin Maria Luisa, der man alle schlechten Eigenschaften ihres Geschlechtes nachsagt, nach langem Schauen feststellt: „Das ist ein treues wahres Bild, geeignet, der Nachwelt zu zeigen, wie wir Bourbonen sind“, dann wächst dem Leser in diesem Augenblick das Körnchen Lebensweisheit zu einem Felsblock an. Der Maler dieses Bildes versenkt sich im Abstieg seiner Jahre in die Wahrheit der Caprichos, weil er, seit er die Welt nicht mehr hören kann, nur noch besessener von ihr ist. Diese in Goya selbst ruhende Wahrheit hat Feuchtwanger so handgreiflich in Szene zu setzen verstanden wie den im Unendlichen mündenden verstanden Goya sitzt zu Tisch in seinem kahlen Speisezimmer, und während sich in ihm die Gesichte verdichten, sagt er: „Ich sich mir etwas an die Wand. Was Witziges, das den Appetit schärft. Morgen Was ich an zu malen.“