Berlin, das vor dem Kriege hoffnungsvoller Mittelpunkt des deutschen Fernsehens war, bis das Jahr 1945 auch hierin ein völliges Vakuum schuf, wird jetzt erstmalig ein Wiedersehen mit unseren Fernseh-Bemühungen feiern können. Auf der Deutschen Industrie-Ausstellung vom 6. bis 20. Oktober zeigt die westdeutsche Rundfunkgeräte-Industrie die ersten Fernseh-Empfänger aus der Serienproduktion, und diesen Fortschritt nimmt der NWDR zum Anlaß, den Berlinern und allen Ausstellungsbesuchern aus dem In- und Ausland fünfzehn Tage hindurch ganztägige Fernseh-Programme zu bieten.

Man muß dazu sagen: zwecks Einführung und Propaganda! Denn es ist – zum Glück für uns – nicht daran gedacht, ähnliche Ganztages-Programme für künftige NWDR-Fernseh-Sendungen einzuführen. Dr. Werner Pleister, Programmdirektor des nun nicht mehr intendantenlosen NWDR, gab dazu sehr vernünftige Erklärungen ab: man habe die Nachteile der ganztägigen Fernseh-Programme in den USA erkannt und will vermeiden, daß sich auch das deutsche Fernsehen etwa zu einer „Dauerberieselung“ der Familien entwickelt. Als Norm denkt man sich nach britischem Vorbild – auf der Insel verfügt man über die längsten und besten Fernseh-Erfahrungen – eine Nachmittagssendung von anderthalb und eine Abendsendung von zwei Stunden.

Neben Hamburg, wo Versuchssendungen seit langem laufen, ein neues Studio in einem Bunker auf dem Heiligengeistfeld entstanden ist, man sogar über ein hypermodernes „fahrbares Studio“ verfügt und einen Studio-Neubau in Stellingen vorbereitet, werden ab nächstes Jahr Köln, Hannover und Berlin in den Fernseh-Genuß kommen. Der benachbarte Hessische Rundfunk zeigt bislang noch wenig Neigung, sich am Fernsehen zu beteiligen und damit die jetzige Vorschußtätigkeit des NWDR finanziell zu entlasten. Dafür scheint aber Bayern sehr großes Fernseh-Interesse zu haben. Wenn 1952 die Fernseh-Übertragungsstrecke Hamburg–Köln fertig ist, wird man übrigens auch aus Kraftwagen – falls man über das notwendige Gerät verfügt – sich in das Fernsprechnetz einschalten und von der Autobahn oder der Landstraße „autotelefonieren“ können: nüchterne Geschäftsgespräche, erwartungsfreudige oder Abschers Liebesworte, ganz nach Wunsch. Willy Wenzke