Von Karl N. Nicolaus

Die „männliche“ Vernunft unserer Tage zeichnet sich durch eine Eigenschaft besonders aus: durch Resignation. Diese Resignation spezialisiert sich jedwedem gegenüber, der „etwas zu sagen“ hat. Diese Resignation funktioniert automatisch gegenüber der „vorgesetzten Dienststelle“ und Verbotschildern jeder Art, gegenüber gedruckten Anweisungen, auch wenn sie offensichtlich Unfug sind, gegenüber Parolen, Versprechungen, Kompetenzen, Beschwörungen, Bedrohungen und dem Flötenspiel der Rattenfänger, die allenthalben wieder durch die Lande ziehen. Die Frauen leiden weniger oft an der schweren Krankheit der Kompetenz-Schwierigkeiten; sie reden viel mehr frei von der Leber weg, sie laufen nicht so gern den Sirenenklängen der „Autoritäten“ nach. Frauen sind die besseren Demokraten!

Der Ministerpräsident eines der Länder der Bundesrepublik rügt – zwar intern, aber doch ganz offiziell – eine weibliche Abgeordnete des Landtages, der ihn zum Ministerpräsidenten gekürt hat, deswegen, weil sie „zu aktiv“ ist. Wunder über Wunder, so etwas gibt es auch, Abgeordnete, die „zu aktiv“ sind! – Was hatte die Dame und Landtagsabgeordnete getan, daß sie gerügt werden mußte?

Sie ist von Beruf Ärztin und Mitglied des Ausschusses für Gesundheitswesen besagten Landtags. In dieser Eigenschaft nun macht sie, wenn sie durch das Land fährt, in kleinen Orten an Flüchtlingslagern, Jugendlagern usw. Halt und kümmert sich um die gesundheitlichen Verhältnisse. Wo sie Mängel findet, versucht sie sie abzustellen; sie setzte zum Beispiel durch, daß sich Amtsärzte generell mehr um die Jugendlager kümmern und mancherlei mehr.

Aber jetzt kommt es: der „Verwaltung“ ist das nicht recht. Die „Verwaltung“ blättert in den dicken Gesetzes- und Verordnungsbüchern und schmiedet aus Paragraphen das zwar papierne, aber nicht minder tödlich wirkende Schwert der Kompetenz. Und dieses Schwert wird nun treppauf und treppab durch aktenreitende Boten in den Amtsgebäuden umhergetragen. Bis es ganz oben angekommen ist.

Und so zückt dann der Herr Ministerpräsident schließlich – ob gern oder ungern sei dahingestellt – die interne Rüge aus seinem Portefeuille. Ja, und er fragt die Ärztin, ob sie als Abgeordnete nicht wisse, daß (nach der Landesverfassung) der Gesundheitsausschuß nur solche Dinge untersuchen dürfe, die ihm vom Landtag zugewiesen werden.

So, und nun kommt das große Wort, die Dokumentation der weiblichen Vernunft, denn die Frau Abgeordnete sagte: „Dann muß eben die betreffende Bestimmung geändert werden!“