Nun aber heißt es bekennen –“, so ruft sich der Autor Augustinus selbst zur Ordnung, als er in den Confessiones abschweifen will in Nichtigkeiten seines vergangenen Lebens. Nicht immer ist es der einzelne selbst, der sich zu Bekenntnissen ruft oder von einer Macht, die nicht von hier ist, dazu aufgerufen wird. Oft sind es die anderen Menschen, die von einem Mitmenschen Bekenntnisse fordern. So geht es einem Mann namens Dr. Varga in einem kleinen abgesonderten Stadtviertel von Paris. Die Umwelt behauptet, sie wolle einen Mord aufklären, und sie enthüllt dabei die Existenz des 50jährigen Sonderlings. Oder vielmehr: er selbst enthüllt sich. Aber da er nicht weiß, was er tut, erkennt er auch nichts, und so spricht er kurz vor seinem Tode die Worte: „Ich habe doch nichts getan“, wähnend, es ginge um den Mord (den er nicht begangen hat), wo es doch in Wirklichkeit um sein Dasein als Sonderling geht.

Dies alles geschieht in dem französischen Film „Panik“ von Julien Duvivier. Der Film ist 1946 gedreht, aber jetzt erst nach Deutschland gekommen: In einem Pariser Stadtteil wird eine wohlhabende Frau ermordet, der Verdacht fällt auf den Junggesellen Varga. Zwar war er mit der Frau weder befreundet noch verfeindet, zwar fällt das einzige Motiv fort, auf Grund dessen er den Mord begangen haben könnte – nämlich in den Besitz des Geldes zu gelangen (er besitzt selbst genug), aber was macht’s: Er ist mit niemandem befreundet, er grüßt die Leute nicht, er spricht nicht mit ihnen, man weiß nicht, was er tut – genug, er muß der Mörder sein.

Die Jagd beginnt. Sie bringt die Unschuld, aber auch die Schuld des Sonderlings ans Licht. Varga nämlich, ein Mann, der sich mit den Sternen beschäftigt und mit der Photographie, hat den Mord an der alten Frau, dessen zufälliger Zeuge er während eines Spaziergangs war, mit der Kamera festgehalten. Er kennt also den Mörder und kann ihm seine Tat nachweisen. Aber genau sowenig wie er der alten Frau beigestanden hat, genau sowenig zeigt er später den Mörder an. Er würde sich überhaupt um nichts kümmern, und wahrscheinlich hätte die Gesellschaft den Kampf gegen ihn verloren, wenn nicht ein Umstand gewesen wäre, durch den er sich mit den so verachteten Menschen wieder einläßt: ein junges Mädchen. Varga liebt sie. Sie aber liebt den Mörder. Als Varga bei der Verfolgungsjagd tödlich abstürzt, findet man in seiner Kamera die belastende Aufnahme.

Dieser Dr. Varga, gezwungen Stück für Stück seines geheimnisvollen Lebens vorzuführen, nachdem man ihn einmal verfolgt, besteht aus mehreren Schichten. Die erste Schicht: seine eigenwilligen Bemerkungen, seine altertümlichen Anzüge. Die zweite Schicht: seine Beschäftigung mit den Sternen, seine Wortkargheit, seine Menschenverachtung. Und als diese Schichten von ihm abfallen, erkennt man den Kern, und nun zeigt sich, daß der Kern Liebe ist – Liebe zu den Menschen. Und man sieht, daß die Verachtung der zweiten Schicht nur ein Modus der Liebe ist. Ist dies nun die Struktur des Sonderlings überhaupt oder nur die des Dr. Varga?

Hält man sich an ihn, so wird klar, wo seine Schuld beginnt: da, wo ein Ereignis der ihn umgebenden Gesellschaft als Ereignis so wichtig wird, daß es sein Eingreifen verlangt. Auch der Sonderling hat Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber. Als Gegengabe läßt sie ihn in ihrer Mitte leben. Denn die Gesellschaft braucht den Sonderling – als Gegenspieler, als Zielpunkt des Spottes, der Verwunderung oder geheimen Hochachtung – er ist der äußerste Koordinatenpunkt in ihrem System. Ohne ihn schrumpft das System zusammen oder zerfällt. Solange eine Gesellschaft die Existenz des Sonderlings, wenn auch widerwillig (aber vielleicht ist ja diese Widerwilligkeit auch ein Modus der Liebe) duldet, solange ist sie noch keine Masse.

Heute gibt es nur noch wenig Sonderlinge, aber es gibt ja auch kaum noch eine Gesellschaft. Es ist sogar denkbar, daß heute irgendwo ein Sonderling herumläuft, ohne daß sich jemand an ihm reibt, weil ihn nämlich keiner erkennt. Dies aber ist meistens das Ende des Sonderlings, zu dessen Existenz es gehört, daß man Anstoß an ihm nimmt.

Der Sonderling Dr. Varga stirbt. Wie aber wird nun das Leben in jenem Stadtteil von Paris ohne ihn weitergehen? Der Film hört im Moment seines Sterbens auf. Er zeigt nicht mehr, daß der Tod des Sonderlings der Tod der Gesellschaft ist.

Paul Hühnerfeld