Wer ist frei von jeglicher Schuld gegenüberseinem Nächsten? Es genügt nicht allein, für das einzustehen, was offen zutage tritt. Die Last einer aus Trägheit unterlassenen guten Tat wiegt oft schwerer. Sühne für das Ungetane, wer darf sie fordern?

Um die Lösung dieser Fragen geht es dem jungen deutschen Autor Simon Glas, der einer namhaften Dichterdynastie angehört und zunächst durch problematische Hörspiele bekannt wurde. „Das Netz“ nennt er seinen klug und packend ineinandergefügten Roman (Georg Westermann Verlag, Braunschweig, 292 S., Leinen 8,80 DM). Sieben Menschen, Evakuierte in einem winzigen Voralpendorf, sind in den letzten Kriegswochen mehr oder weniger direkt am Selbstmord von zwei Menschen, einem blutjungen Fahnenflüchtagen und einer älteren Parteigenossin, schuldig geworden. Alle sind nach dem tragischen Ende der beiden in ihr normales Leben zurückgekehrt und haben die Geschehnisse in sich zurückgedrängt. Nur einen von ihnen ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Er inszeniert am Faschingstag 1949 ein makabres Spiel und zwingt die sechs übrigen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Noch ehe er jedoch eingreifen kann, verunglückt er tödlich. Ohne den Initiator hebt die Pantomime an, und die Reaktion der sechs Betroffenen läßt ihre tuneingestandene Schuld erkennen. Jedem schlägt das Gewissen: vom verstockten Sünder bis zu der durch zu späte Erkenntnis wahnsinnig Gewordenen werden alle Stationen durchlaufen.

Diese Handlung wird Stationen in der Rückblende erst deutlich, denn alles, was 1945 geschah, tritt nur durch die Augen der sechs Schuldigen vor den Leser. Es gibt keinen Ankläger mehr. Die Geschehnisse werden für drei Tage übermächtig, um danach im Rhythmus des Alltags zu vergehen. Die spannende und interessante Erzählweise fesselt den eiligen Leser bis zum Schluß. Indessen: der behutsame Leser wünschte zu verweilen, nicht nur von der Dämonie des Stoffes getrieben zu werden, sondern die Erkenntnisse und Erfahrungen des Dichters gedanklich breiter und intensiver ausgesponnen zu finden.

Ingeborg Hartmann