Von Robert Knauß

Der „Verband deutscher Soldaten“, kaum gegründet, hat überall Diskussionen hervorgerufen und die Gemüter erregt, im Inland und im Ausland. Hier nun geben wir einem Manne das Wort, der unter vielen ehemaligen Soldaten etwas gilt: es ist Dr. Robert Knauß, ein General der Flieger und zuletzt Kommandeur der Luftkriegsakademie Gatow.

Der erste Vorsitzende des neuen „Verbandes deutscher Soldaten“, Generaloberst a. D. Frießner, hat es für richtig gehalten, die deutsche Widerstandsbewegung gegen Hitler zu verurteilen, zumindest die Tat vom 20. Juli. Zunächst eine Formfrage: Hat Frießner nur seine eigene persönliche Auffassung ausgesprochen? Oder hat er die Einstellung des „Verbandes deutscher Soldaten“ zum 20. Juli vor der Öffentlichkeit verbindlich festlegen wollen? Es ist kaum ein Zweifel, daß das letztere beabsichtigt war. Dann aber fragen wir: Woher leitet Frießner die Berechtigung ab, im Namen der rund 300 000 Mitglieder des „Verbandes deutscher Soldaten“ zu sprechen? Es ist uns nicht bekannt, daß eine Umfrage in den zwölf Landes- und 1256 Ortsgruppen stattfand, die den 20. Juli zum .Gegenstand gehabt hätte. Wie reimt sich also Frießners Verhalten mit dem Bekenntnis des Soldatenbundes zur Demokratie zusammen? Echte Demokratie heißt freie Meinungsbildung von unten nach oben. Und davon eben verspüren wir im Sodatenbund vorerst keinen Hauch.

Ob Frießner wohl ahnte, welchen Schaden er innen- wie außenpolitisch mit seiner Verurteilung des 20. Juli angerichtet hat? Wir wollen zu seinen Gunsten annehmen, daß er es nicht ahnte. Wir wollen ihm vielmehr die gute Absicht unterstellen, daß er mit seiner Erklärung allein die Kluft überbrücken wollte, die noch heute mitten durch unser Volk geht und die Soldaten des zweiten Weltkriegs trennt: hier Widerstand gegen ein, als verbrecherisch erkanntes System – dort blindgläubiger Gehorsam bis zum „Endsieg“. Aber indem Frießner den 20. Juli ablehnt, stellt er sich, ob er es will oder nicht, an die Seite jener rechtsradikalen Kreise um Remer, der die Toten des deutschen Widerstands als Landesverräter beschimpft und einer neuen Dolchstoßlegende, einer böseren als nach, 1918, Zündstoff gibt.

Es sollte doch heute nur eine klare Richtlinie geben: Ziehen wir entschlossen einen Strich unter die Vergangenheit bis 1945! Wir wollen keinem Soldaten vorwerfen, besonders nicht den jungen Jahrgängen und denen, die an der Front kämpften, daß sie hitlergläubig waren bis zum Zusammenbruch. Wir halten es auch für eine unzulässige Verallgemeinerung, „den“ Generalen vorzuhalten, sie hätten nicht rechtzeitig das deutsche Volk von Hitler, den Nazis und der Gestapo befreit. Denn so einfach liegen die Dinge nicht.

Man versetze sich einmal in die Lage eines Divisionskommandeurs, der 1000 Kilometer von der Heimat entfernt mit seiner Truppe an der Ostfront lag. Er hatte anderes zu tun, als sich um die Politik zu kümmern und an einer Verschwörung zum Sturz des Systems mitzuarbeiten. Wir wollen nicht einmal mit den älteren Offizieren rechten, die in den Spitzenstellungen der Wehrmacht standen und denen wohl ein größerer politischer Horizont zuzutrauen war. Obwohl uns die Annahme schwerfällt, daß auch sie damals von der ganzen Verlogenheit und Rechtlosigkeit, die sie umgab, von den KZ-Lagern etwa, nichts gemerkt haben sollten. Aber heute sollte es keine Entschuldigung mehr für die Gutgläubigkeit von damals geben, weder bei den jungen noch bei den alten Soldaten. Heute sind die Tarnnetze gefallen. Heute liegen für jeden, der sehen will, die politischen und militärischen Fehler offen zutage, mit denen Hitler das deutsche Volk in die Katastrophe trieb, aber auch die Verbrechen, mit denen er Schande über uns brachte, angefangen vom 30. Juni 1934. Offengestanden, wir hatten erwartet, daß der „Verband deutscher Soldaten“ den Mut aufbringen würde, öffentlich von den Verbrechen des „Dritten Reiches“ abzurücken.

Wir müssen verlangen, daß die alten Soldaten des zweiten Weltkriegs, besonders aber diejenigen, die bereit sind, wieder einem Ruf zu den Waffen zu folgen, sich zu einer klaren Einsicht in die Zusammenhänge der zwölf Jahre von 1933 bis 1945 durchringen. Aus dieser Einsicht folgt aber auch, daß sie die Tat des 20, Juli anerkennen und in Ehren halten. Es gab keinen anderen Weg, das deutsche Volk vor dem Äußersten zu retten als den gewaltsamen Sturz des Diktators. Wie Speer in Nürnberg erklärte, war der Krieg produktionstechnisch im Mai 1944 verloren. Dennoch zog Hitler nicht die Konsequenzen, wie es Ludendorff im Herbst 1918 getan hatte; er leitete keine Waffenstillstandsverhandlungen mit dem Gegner ein. Politisch verloren aber war der Krieg schon an seinem ersten Tage, am 1. September 1939, als Hitler den Einfall nach Polen befahl und damit die gesamte Welt gegen Deutschland aufgebracht hat.