Der flämische Dichter Stijn Streuvels feierte am 3. Oktober seinen 80. Geburtstag.

Von Stijn Streuvels und seinen Büchern kann man nicht sprechen wie von so vielen Erscheinungen des modernen Schrifttums. Es geht nicht um das Verhältnis zwischen Autor und Leser, sondern von Person zu Person. Der Eindruck, den man von dem hinter diesen Büchern stehenden Menschen empfängt, ist so stark, daß man ihn am liebsten unmittelbar anreden würde, um ihm zu danken – wenn das in der Öffentlichkeit nicht anmaßend erschiene.

Das Werk wird vom Erdreich einer jugendlichen Sprache getragen: es ist die schwere Erde flandrischer Kornfelder oder die geheimnisvolle Erde des Flachsackers oder der in heißer Mühe erschlossene karge Kartoffelboden. Aus dieser Welt sprießt eine ursprüngliche Bilderwelt. Aber der Mensch ist weit mehr: er steht immer zwischen Himmel und Erde – so wie auch über dieser Erde eine oft unbegreifliche, aber nie bezweifelte Himmelsmacht waltet.

Streuvels schildert den „einfachen“ Menschen, den Bauern, den Pferdeknecht, den Arbeiter. Aber dieser Mensch ist nicht „einfach“ im gewönnlichen Sinne: er faßt Entschlüsse, die er unter einem Gesetz fassen muß, die eigene Art und Umstände ihm auferlegen, und plötzlich zweifelt er an ihnen, plötzlich steht der einfache Mensch vor dem Bodenlosen, und dann trägt ihn entweder die Gnade über den Abgrund, oder er wird fortgerissen von einem ihm bisher unbekannt gewesenen Haß, von Leidenschaften, vom Unerforschten, Unfaßbaren. Das Böse ist in der Luft – so steht es im Epheserbrief. Der Abgrund ist ganz nahe. Aber das nimmt dieser frischen Gestaltenwelt nichts von ihrer Kraft. Eben am Abgrund spricht Streuvels sein Ja.

Und landeinwärts dehnt sich das Leben: die Freude in der Arbeit, an den strotzenden Äckern, über denen die Höfe dunkeln. Es ist ein Land, für das gebetet wird mitten in der Arbeit, in dem das Gebet unwiderstehlich hinüberschweift zur Arbeit; im Grunde biblisches Land, umschattet und belichtet, heimgesucht wie die Seele des Menschen und wieder überschüttet von den Gewalten des Himmels.

Streuvels ist der leidenschaftliche Sprecher der Armen, der am Wege Sterbenden, Unbeachteten; er ist es aus der Macht der Kunst, die niemals ihren Bereich verläßt, nicht in die Anklage absinkt und eben dadurch das Herz trifft. Die Versuchungen der Armen sind um nichts geringer, vielleicht sogar größer als die der Reichen.

Die religiöse Aufgabe, die Verantwortung für unseres Bruders Heil, lastet auf uns allen. Der tragende Grund christlicher Überzeugung ist bei diesem Dichter durchaus fest, wenn auch die Perspektive oftmals düster und das heißt nur: wahr ist. So stellt er auch eines seiner bezauberndsten Kinderbilder – „Prütske“ – auf den dunklen Hintergrund geschichtlicher Erfahrung: das lichte Haar schimmert unterm Gewitterhimmel.

Kunst bewährt sich in den schwersten Zeiten unseres Lebens. Wenn wenig Hoffnung ist, von außen einen Trost, eine Hilfe zu erwarten, dann ist die Stunde gekommen für Stijn Streuvels und seine Kunst. Die Welt, die er uns gestaltet, ist abgeschlossen und doch sind die Abstürze offen, sie ist zerklüftet, aber nicht zerstörbar, Wenige vereinen wie er die Wucht der Leidenschaft mit der verletzlichsten Verhaltenheit. Seine Wahrheit ist die Liebe zum Menschen: eine Liebe, die weiß, daß die „himmlische Bahn“, die dem Menschen vorgezeichnet ist, einmal plötzlich nicht mehr da sein kann; denn eben das muß der Mensch erfahren. Streuvels kann ihm in diese Not folgen weil er mehr weiß, mehr noch erfahren hat als seine Helden, die er nicht belehren will, sondern in der Würde ihres Gesetzes, ihrer Art ergriffen hat und liebt. Wir verstehen den Beschluß nicht, der die Saat ausdörrt, das Ackerland wegschwemmt. Wir sollen der ganzen Qual unserer Fragen überantwortet bleiben. Dieser starke Dichter aber ist nicht ohne Antwort geblieben. Reinhold Schneider