Paris, Ende September

Das Farbfernsehen nach dem „Columbia Broadcasting System“, das seit dem 25. Juni dieses Jahres offiziell in USA eingeführt ist und mit dem bereits in einigen amerikanischen Großstädten regelmäßige Sendungen erfolgen, wurde nach den achttägigen Vorführungen in Westberlin jetzt in Paris gezeigt.

Die Schlüsse, die die französischen Techniker und Fernsehspezialisten aus den Vorführungen ziehen, sind für die gesamte Fernsehentwicklung in Europa von höchstem Interesse und von weittragender Bedeutung. Sieht sich in Amerika die junge Fernsehindustrie durch die alles umwälzende Einführung des Farbfernsehens einer sehr ernsten Krise gegenüber, da die Millionen im Gebrauch befindlichen und die weiteren Millionen auf Käufer wartenden Empfangsapparate mit einem Schlage veraltet sind, so begrüßen die französischen Fachleute diese von ihnen längst systematisch vorbereitete und erwartete Einführung des farbigen Fernsehens. Denn für das Fernsehen in natürlichen Farben bietet die von der französischen Verwaltung schon 1948 beschlossene hohe Definition der Bildaufteilung in 819 Zeilen (gegen 405 in England, 525 in den USA und 625 im Versuchssender des Nordwestdeutschen Rundfunks in Hamburg) eine ausgezeichnete Ausgangsbasis, und damit ist ihrer Planung die glänzendste Rechtfertigung gegeben. Daher war es nicht verwunderlich, wenn in Paris diese Vorführungen offiziell Von den ersten französischen Persönlichkeiten patroniert und kommentiert wurden.

Der Direktor des gesamten französischen Funkwesens (Radio und Television), Herr Porche, erklärte anläßlich von Vorführungen im „Club des Ambassadeurs“ in einer einführenden Ansprache, die französische Verwaltung betrachte es als ihre erste Pflicht dem französischen Publikum gegenüber, es mit dieser historisch bedeutenden Neuerung des in Amerika offiziell angenommenen und eingeführten Farbfernsehsystems bekannt zu machen und bei dieser Gelegenheit gleich den Beweis zu liefern, daß die von ihr in klarer Erkenntnis der kommenden Entwicklung für Frankreich beschlossene 819-Zeilen-Norm allein Aussicht hat, nicht in kürzester Frist überholt zu werden und vor allem die Möglichkeit gibt, die farbigen Programmsendungen ohne weiteres in Schwarz-Weiß zu empfangen. Die Fernsehprogramme werden neben den Farbsendungen auf Schwarz-Weiß-Sendungen nicht völlig verzichten können, besonders in den Wochenschauen, den Aktualitäten und den gewöhnlichen Filmen. Die Voraussetzungen des farbigen, sowie des kombinierten Empfangs – farbig und schwarz-weiß – seien allein durch eine hohe Zeilendefinition gegeben, so daß heute eine etwa abwartende Haltung des Publikums, das zögere mit der Anschaffung von Empfangsgeräten aus der Befürchtung, sie könnten rasch veralten, in Frankreich nicht mehr angebracht ist. Damit seien alle die Skeptiker entwaffnet, die bei der Umstellung auf Farbfernsehen auch in Frankreich dieselbe schwere Krise befürchten, die in Amerika eingetreten ist. Die französische Verwaltung habe von Anfang an gerade dem Problem der Umstellung auf Farbfernsehen die größte Beachtung gewidmet. Es liegen in Frankreich voll befriedigende Resultate des Farbfunks vor, man befinde sich bereits im Stadium der letzten systematischen Versuchssendungen und warte nur mit den offiziellen öffentlichen Sendungen, bis die Apparateindustrie alle Vorbereitungen getroffen habe zum Serienbau billiger Apparate.

Der Vertreter der „Radio-Industrie“ sprach dann über den augenblicklichen Stand der französischen Farbfernsehversuche und den Stand der französischen Produktion. In Frankreich bestehe praktisch bereits seit zwei Jahren die Möglichkeit des Farbfernsehens. Man warte nur auf den günstigsten Augenblick, um zu öffentlichen Sendungen überzugehen. Die französische Industrie habe sich zur Aufgabe gesetzt, dem Publikum eine Sendung zu garantieren, die dem Eindruck des Kinos entspreche, wenn sie ihn nicht an Farbtreue übertreffe, und vor allem einfache, unkomplizierte und nicht zu kostspielige Aufnahmekameras sowie serienweise herstellbare Empfangsgeräte auf den Markt zu bringen. Ebenso wie die Apparate für die hohe Definition sich im Bau und im Preis den Apparaten niedriger Definitionen annähern, werden auch die Apparaturen für farbige sowie kombinierte Sendungen nicht erheblich teurer werden als die jetzt bereits im Handel befindlichen einfachen Fernsehapparate.

Die sich anschließenden Vorführungen zeigten einwandfreie und voll befriedigende Resultate.

Das amerikanische Columbia Broadcasting System zeigt ab Sonntag, den 23. September Anläßlich des großen 14. Internationalen Chirurgenkongresses in Paris den Kongreßteilnehmern farbige Fernsehsendungen von Operationen. Hospital Boucicaut wurde zu diesem Zweck ein Musteroperationsraum eingerichtet.