Von unserem Bonner Korrespondenten

R. S. Bonn, Anfang Oktober

In der grundsätzlichen Bejahung der freien Marktwirtschaft einig, über den Grad ihrer jeweiligen Durchführbarkeit aber verschiedener Meinung, so hatten sich der Bundeswirtschaftsminister und sein nun zurückgetretener Rohstoffberater Friedrich bis auf die bei solch grundsätzlicher Verschiedenheit unüberwindbar bleibende Distanz „zusammengerauft“, wie es Erhard vor der Presse nannte. Sie hätten in ihren Auffassungen freilich nicht „siamesischen Zwillingen mit einheitlichem Blutkreislauf“ geglichen, spöttelte er. Immerhin wurde aber durch die Bluttransfusion, die der Rohstoffberater dem Bundeswirtschaftsministerium zuteil werden ließ, einer durchaus kritischen Entwicklung rechtzeitig gesteuert. Seine Amerikareise hat viel dazu beigetragen, bedrohlich gewordene Meinungsverschiedenheiten zwischen Bonn und dem Westen über die in unserer politischen Situation noch zulässige wirtschaftliche Dispositionsfreiheit zu glätten. Er hat, alles andere als ein Anhänger der Bewirtschaftung, rechtzeitig auf die Unvermeidbarkeit der Rohstofflenkung bei langandauerndem Mangel hingewiesen; er hat frühzeitig und mit Erfolg auf die Schaffung gesetzlicher Handhaben für die Praktizierung solcher Lenkungsmaßnahmen gedrängt. Beliebt hat er sich damit nicht gemacht; weder in Bonn noch bei der Wirtschaft, und dort wieder weder bei denen, die die sich ankündigende Lenkung fürchteten, noch bei den anderen, die sich von ihr für sich persönlich zu viel erhofft hatten.

So geht Friedrich, kaum von jemandem bedankt – auch die freundlichen Worte, die ihm Professor Erhard in der Abschiedspressekonferenz widmete, wurden von den Anwesenden sicherlich nicht überbewertet –, sich von einer nur halb gelösten Aufgabe trennend, aber jedenfalls, wie er selbst bemerkte, noch zur rechten Stunde aus einem Kreise scheidend, in dem er sich mit seiner Konzeption nie hätte ganz durchsetzen können. Er kehrt wieder auf seinen führenden Posten in der Wirtschaft zurück, den man ihm gewiß nicht unbefristet lang offen gehalten hätte. Was ihn von Erhard, dem lenkungsscheueren in diesem kurzfristigen Doppelgespann, trennte, war für jeden, der Ohren hatte, vernehmbar. Ein Satz wie dieser, daß es keine echte Freiheit mehr sei, wenn durch sie die – Lieferanten immer mehr Privilegien erhielten und die Abnehmer in immer größere Abhängigkeiten gerieten, bedarf keines Kommentars.

Der von Friedrich ins Leben gerufene Rohstoffausschuß soll weiter bestehen bleiben. Friedrich selbst soll, wie Erhard sagte, maßgeblichen Einfluß auf den ‚Ausschuß behalten. Wieweit dies eine Geste ist, wieweit es eine bedeutsame Realität sein wird, bleibt abzuwarten. Daß wir in der zweifellos noch lange andauernden Mangellage auf bestimmte Rohstofflenkungsmaßnahmen nicht werden verzichten können, ob nun ein Rohstoffberater da ist oder nicht, ist sicher.