Noch immer sind die Reparationen nicht vollständig abgeschlossen: im Osten fließt ein ununterbrochener Strom von Waren und Dienstleistungen aus der laufenden Fertigung nach der UdSSR, und der Westen erließ vor wenigen Wochen ein Gesetz zur endgültigen Liquidation des deutschen Auslandsvermögens. Noch ist es also zu früh, einen abschließenden Bericht über die wirkliche Höhe der von Deutschland geleisteten Reparationen und über alle Folgen der Reparationspolitik zu geben. Wenn daher Senator Harmssen, der Leiter des Bremer Ausschusses für Wirtschaftsforschung, jetzt eine Schrift „Am Abend der Demontage“ (Friedrich Trüjen Verlag, Bremen, 196 S.) herausbringt, so handelt es sich dabei vorerst um eine rückschauende Darstellung des Ablaufes der Reparations- und Demontagepolitik in den vergangenen 6 Jahren. Die ausgezeichnete und auf jahrelangen sehr sorgfältigen Erhebungen fußende Schrift faßt die in Ost- und Westdeutschland der Wirtschaft zugefügten Schäden zusammen: nachdem die Motive der Demontagepolitik gewürdigt sind – das Konkurrenzmotiv kommt nicht zu kurz –, wird ein Gesamtüberblick gegeben. Daran schließt sich eine Zusammenstellung der Schäden in Westdeutschland nach Industriezweigen gegliedert. Es folgen die Demontagen in Ost- und West-Berlin und in der Ostzone, jeweils mit einer Liste der abgebauten Betriebe und Verkehrseinrichtungen. Die Liste der 2400 in der Ostzone und in Berlin von den Sowjets demontierten Betriebe beansprucht besonderes Interesse, da sie bisher noch nie veröffentlicht wurde.

Die Schrift zeigt ganz klar, daß die unmittelbaren Kriegsschäden der Industrie zwar erheblich waren, aber unter normalen Verhältnissen bald auszugleichen gewesen wären. An Umfang und Folgenschwere wurden sie von den Demontagen nicht selten übertroffen. Auch die heutigen Produktionsengpässe sind durch den Abbau organischer Fertigungswege zweifellos mit verschuldet worden. Schließlich ist unsere derzeitige prekäre Devisenlage darin mitbegründet, daß unser Export durch die Demontagen gehemmt und verkleinert wurde; die ausländische Konkurrenz übernahm die Märkte, unsere wertvollsten Maschinen sowie Patente und Warenzeichen.

Bei einem Netto-Produktionswert der betroffenen Industrien von 27,8 Mrd. RM für 1936 beläuft sich der Kapazitätsausfall durch Demontagen in allen vier Zonen und Berlin auf 5,6 Mrd. RM oder 20 v. H. der 1936 in diesem Gebiet vorhandenen Kapazität (alle Zahlen in Preisen von 1938). Davon verlor die Ostzone Anlagen im Werte von 3,19 Mrd. RM oder 45 v. H. des Netto-Produktionwertes der betroffenen Industrien, West-Berlin sogar 2/3 seiner Kapazität •oder 0,9 Mrd., Ost-Berlin 0,25 Mrd. RM. im Westen beträgt der Wert der Demontagen etwa 1,3 Mrd. RM oder 8 v. H., der Gesamtverlust einschließlich Ablieferung der Handelsflotte sogar 2 Mrd. RM. Mit diesen Zahlen sind jedoch die wirtschaftlichen Demontagefolgen in keiner Weise erfaßt. Diese betragen ein Vielfaches, weil die Leistungsfähigkeit der Industrie auf Jahre hinaus herabgesetzt worden ist.

Die Schrift zeigt mithin, daß die Verluste im Westen schwer, in Berlin und Ostdeutschland dagegen ungleich schwerer waren. Dabei ist zu berücksichtigen, daß mit einer Ausnahme die gesamten Demontagen West-Berlins, welche die bei Kriegsende verbliebene Kapazität noch einmal zu 75 v. H. fortnahmen, von den Sowjets bis zum 1. Juli 1945, dem Zeitpunkt der Viermächte-Besetzung Berlins, vorgenommen wurden. So wurden aus 20 führenden Unternehmen insbesondere der Elektrotechnik und des Werkzeugmaschinenbaues allein 53 500 Maschinen entfernt. Der Bericht zeigt weiter, daß die Demontagen in der Ostzone den in Yalta und Potsdam festgelegten Umfang bei weitem übertroffen haben, was vor allem deswegen bedeutsam ist, weil die Sowjets vermutlich diese ersten Demontagen des Sommers 1945 nicht auf Reparationskonto anrechnen wollen.

Alles in allem ist in diesem Dokument ein Stück Nachkriegsgeschichte enthalten, an das sich Sieger und Besiegte in Zukunft hoffentlich mit gleichem Unbehagen erinnern werden. – Wir werden auf die Schrift im einzelnen noch zurückkommen. C. v. S.