Von unserem Pariser Korrespondenten Artur Rosenberg

Paris, Anfang Oktober

Erst seit sich in Washington gezeigt hat, daß die französische Erfindung einer Europa-Armee sich durchsetzt, beginnt die französische Öffentlichkeit, die Pläne ihrer Staatsmänner ernst zu nehmen und sie auf ihre Auswirkungen zu prüfen. Dabei kristillisieren sich folgende Gesichtspunkte heraus: Viele Sozialisten und viele Linksbürgerliche finden, daß die Europa-Armee den Krieg herbeizieht, den sie verhindern soll. Nach ihrer Auffassung werde die deutsche Remilitarisierung die Zweiteilung Deutschlands und Europas vertiefen. Sie wird, so meinen sie, ein Wettrüsten unvermeidlich machen, an dessen Ende nur der Krieg stehen kann.

Die Gaullisten bekämpfen die Europa-Armee aus anderen Gründen. In ihren Augen gibt es für Frankreich keine Grenze seiner Möglichkeiten, wenn es nur stark genug ist. Die Garantie seiner Stärke aber liege in einer starken Armee. Seine Truppen dürften deshalb nicht in einer Europa-Armee für fremde Ziele unter fremder Führung aufgeben; sie müßten für die schicksalsschweren Augenblicke der Nation das entscheidende Instrument in der Hand der Staatsführung bleiben, Die Gleichartigkeit der Interessen an der Verteidigung der abendländischen Zivilisation werde Deutschland – nach ihrer Auffassung – ganz von selbst zum natürlichen Verbündeten eines starken Frankreich machen. Aus diesem Gedanken heraus wollen die Gaullisten Deutschland ein eigenes nationales Heer zugestehen. Die französisch-deutsche Gemeinschaft als Kristallisationspunkt Westeuropas ist nach der Überzeugung de Gaulles der sicherste Schutz gegen die Versklavung des Kontinents durch den Kommunismus. Daß de Gaulle in einer solchen Gemeinschaft die Führung für Frankreich und für sich persönlich sichern zu können glaubt, wird ihm von Franzosen, die ihm lange nahe standen, als der kardinale Irrtum seines politischen Konzepts vorgeworfen,

Innerlich verwandt sind die Einwände, die französische Militärs gegen die Europa-Armee erheben. Sie zweifeln an der seelischen Bereitschaft des französischen Soldaten, die Anforderungen eines modernen Krieges für ein Europa auf sich zu nehmen, da? für ihn keine gefühlte Wirklichkeit ist. Der bloße Gedanke, daß Frankreich seine Armee zugunsten eines noch völlig schattenhaften Europäertums aus der Hand geben soll, hat in militärischen Kreisen so beunruhigt, daß der Staatssekretär im Kriegsministerium, de Chévigné, sich veranlaßt fühlte, eine Erklärung abzugeben, die mit dem Gedanken einer Europa-Armee wirklich nicht in Einklang zu bringen ist.

In allen Kreisen der Bevölkerung aber – ohne Unterschied der politischen Stellung – begegnet man immer wieder einem Bedenken: Hat Frankreich eine Garantie, ja welche Sicherheit kann es überhaupt dafür geben, daß die Deutschen, die heute für die Verteidigung Europas bewaffnet werden, nicht morgen wieder ihre eigene nationale Machtpolitik treiben.

Das Problem ist in der Tat fast unlöslich: Frankreich soll in ein Rüsten eintreten, das – nach Auffassung vieler Franzosen – die Kriegsgefahr erhöht, und soll gleichzeitig das Instrument seiner Verteidigung aus der Hand geben? In eine so halsbrecherische Politik kann ein Volk sich nur stürzen, wenn es restloses Vertrauen zu seinem wirklichen oder möglichen Verbündeten hat. Dieses Vertrauen aber ist nicht gegeben. Es besteht nicht gegenüber Westdeutschland hinsichtlich seines militärischen Einsatzes gegen den Osten, schon deshalb nicht, weil Deutsche gegen Deutsche kämpfen müßten. Es besteht nicht gegenüber Amerika hinsichtlich der finanziellen Hilfe, weil die für die Aufrüstung Europas erforderlichen Beträge Amerika selbst an den Rand seiner Leistungsfähigkeit führen würden, ohne ihm dafür die Sicherheit zu geben, daß das Ergebnis dieser Aufwendungen nicht schließlich dem Gegner in die Hände fällt.