Köln, Ende September

Für eine in Deutschland noch unbekannte Komödie von Bernard Shaw setzten sich die Kölner Kammerspiele erfolgreich ein. „Der gute König Karl“ (The good King Charles’s golden days) ist, stofflich gesehen, zwar das letzte der historischen Dramen Shaws. Aber anders als seine auf chronistische Wahrheit bedachten Stücke (wie „Die Heilige Johanna“) lebt diese Komödie von dem, was dem König „hätte zustoßen können, ihm jedoch nicht zustieß“. Da begegnen sich im Hause Isaac Newtons der leichtlebige, doch überaus gescheite König Karl II. von England (1630–1685) und der Gründer der Quäker-Sekte, Georg Fox. Der holländische Maler Kneller tritt hinzu und trägt Ansichten vor, für die Shaw ausdrücklich Hogarth als Urheber nennt. Das Ziel ist eine intellektuelle Komödie: die dialektische Erörterung des Gegensatzes zwischen Künstler und Physiker. Daß die Anachronismen nicht auf das Arrangement beschränkt bleiben, daß die Diskussion, ob die Linie der Schönheit eine Gerade oder eine Kurve sei, schließlich bei der modernsten physikalischen Hypothese vom gekrümmten Raum landet, das gibt der immer wieder frappierenden Dialogtechnik Shaws eine besondere geistige Pikanterie.

Um die „intellektuelle Spannung zu mildern“, die den hervorragenden Mittelakt auszeichnet, •bietet der Autor alle „komischen Möglichkeiten“ des historischen Milieus auf: den politischen und menschlichen Kontrast zwischen dem protestantischen König und seinem katholischen Bruder, drei Freundinnen des fünfzigjährigen Polygamisten, den die Frauen seit seinem vierzehnten Jahre in den Händen haben, der aber ein zärtlicher Gatte im Boudoir der Königin ist, antiquierte Diskussionen um die Schauspielkunst, in denen der ästhetische Reiz der Frauendarstellung durch Männer bei Shakespeare gegen die weiblichen Reize einer Schauspieler-Freundin des Königs ausgespielt wird, hochtönende Deklamationen klassischer Tiraden und groteske Situationen. Ein Shawsches Menü von Witz und Geist! Im ersten Akt freilich wirkt es auf der Bühne allzu umständlich, und im letzten läßt der alte Englandfeind seinen Bosheiten, ihren ergötzlichen Lauf. Dieses Feuerwerk ist 1939 für die Malvern-Festspiele geschrieben worden. In englischer Atmosphäre erst werden alle Bezüge ganz verständlich.

Die Übertragung auf die deutsche Bühne ist keine leichte Regieaufgabe. Denn es handelt sich im Grunde um eine theoretische Kunstkomödie ohne die elementaren Wirkungsmöglichkeiten, nach denen das große Theaterpublikum verlangt. In Köln brachte Friedrich Siems mit ebenso viel Takt wie Differenzierung eine deutsche Erstaufführung von beachtlichem Rang zustande.

Dortmund, Ende September

Eine Satire, diesmal um das Possenspiel der politischen „Ideen“, schwebte dem zweiundvierzigjährigen J. W. Klefisch vor. Er ist gewohnt, Anstoß zu erregen. Seine Stücke wurden in den vierziger Jahren verboten. Aber Klefisch scheint aus dem Danebentreten ein Prinzip zu machen. „Wer zuletzt lacht“, in völliger Verkennung seiner handwerklichen Fähigkeiten und der dramatischen Gattung vom Autor „eine Komödie“ genannt,behandelt eine anekdotische Episode aus dem griechischen Bürgerkrieg. Die Weißen führen Krieg um Ordnung und Ehre, die Roten um ihre Idee. Zwischen ihnen wechselt ein Fischerdorf seinen Besitzer. Einmal hängt man (zum Schein) den Bürgermeister, das andere Mal den Popen. Denn die apolitischen Dörfler möchten das kleine Glück friedlichen Fischens ungestört vom Ideenkrieg der Politiker genießen und sich dann auf die Seite des Siegers schlagen. Aus diesem satirischen Vorwurf preßt der Autor mit Hilfe der taktlos wirkenden Gestalt eines Popen ein Evangelium des „Niemandlandes“, eine Religion der Menschlichkeit heraus, die im phrasenhaften „Ohne-mich“-Pazifismus des Vogel Strauß gipfelt. Die Sirenenklänge solcher weltflüchtigen Neutralität kamen als einziges – und das ist bezeichnend – in der Dortmunder Uraufführung beim Publikum an. Es war ein Abend der Mißklänge: dramaturgisch, politisch und künstlerisch. Denn der Regisseur Willem Hoenselaers wußte mit dem Stück nichts anderes anzufangen, als die Darstellung in die Bezirke von Posse und Operette zu steuern. Johannes Jacobi